SGD und DCD – Das neue reformierte Gewährleistungsrecht

 

Conny Kern

Dr. Cornelia Kern, BA (Verein für Konsumenteninformation, Bereich Recht)

Noch pünktlich vor den Wahlen zum Europäischen Parlament soll ein neues reformiertes Gewährleistungsrecht für Verträge im klassischen Warenhandel und für Verträge über digitale Inhalte und digitale Dienstleistungen beschlossen werden

Nachdem die Europäische Kommission bereits 2015 im Rahmen ihrer Strategie für den digitalen Binnenmarkt ein neues Paket vorgelegt hat, mit dem das Gewährleistungsrecht reformiert und fit für die Anforderungen der digitalen Welt gemacht werden sollte, konnte noch pünktlich vor den Wahlen zum Europaparlament nach jahrelangen Verhandlungen endlich eine Einigung zwischen dem Europäischen Parlament und dem Rat über das Paket aus zwei Richtlinien erzielt werden. Im Moment warten die beiden Richtlinien noch auf die offizielle Bestätigung im Rat und Europäischen Parlament und die anschließende Kundmachung im Amtsblatt der Europäischen Union, aber spätestens seit der politischen Einigung im Jänner 2019 über die Warenhandels-RL und die Digitale-Inhalte-RL ist klar: das neue Gewährleistungsrecht wird kommen!

Die europäischen Gesetzgeber waren bemüht mit den beiden Richtlinien kohärente, auf einander abgestimmte Regelungen über bestimmte Anforderungen an Verträge über die Bereitstellung digitaler Inhalte und Dienstleistungen und an Kaufverträge über herkömmliche Waren, zu schaffen. Ziel der neuen Regeln ist es dabei, europäischen Verbraucherinnen und Verbrauchern einen hohen Grad an Schutz und Rechtssicherheit zu bieten und Unternehmen durch vereinheitlichte Regeln – die Richtlinien beruhen weitgehend auf dem Grundsatz der Maximalharmonisierung – den grenzüberschreitenden Handel zu erleichtern. Um in den Verhandlungen einen Kompromiss zu erzielen, wurden in manchen Punkten aber auch, ungeachtet der grundsätzlich angestrebten Maximalharmonisierung, den Mitgliedstaaten Spielraum für die Umsetzung gelassen und die Möglichkeit eingeräumt, auf nationaler Ebene geltende Regelungen mit einem höheren Verbraucherschutzniveau beizubehalten oder einzuführen.

Die wesentlichen Neuerungen im Einzelnen:

Mit der Richtlinie über digitale Inhalte und Dienstleistungen („Digitale-Inhalte-RL“, „DCD“) wird erstmals ein klarer rechtlicher Rahmen für die nicht vertragskonforme Bereitstellung digitaler Inhalte und Dienstleistungen geschaffen. Die Richtlinie führt hier ein am herkömmlichen Gewährleistungsrecht orientiertes System an Abhilfen ein, die auf die Besonderheiten der digitalen Welt Rücksicht nehmen. So hat der Verbraucher im Fall der Vertragswidrigkeit des digitalen Inhalts oder der digitalen Dienstleistung das Recht, dass der vertragskonforme Zustand hergestellt wird – die Richtlinie unterscheidet hier nicht eigens zwischen Reparatur und Ersatz – oder unter gewissen Voraussetzungen auf eine Preisminderung oder Wandlung des Vertrags. Zusätzlich regelt die Richtlinie den Fall einer gar nicht erfolgten Bereitstellung der digitalen Inhalte oder Dienstleistungen und räumt hier dem Unternehmer eine zweite Chance ein, bevor der Vertrag vom Verbraucher (bei weiterhin nicht erfolgter Bereitstellung) beenden kann. Die Gewährleistungsfrist wird in der DCD bei einmaliger Bereitstellung mit mindestens zwei Jahren festgesetzt, bei fortdauernder Bereitstellung mit der Vertragsdauer. Als Frist für die Beweislastumkehr zu Gunsten des Verbrauchers gilt in ersterem Fall ein Jahr, im zweiten Fall wiederum die Vertragsdauer. Darüber hinaus – und das ist ein echtes Novum – führt die DCD eine Update-Verpflichtung des Unternehmers ein. Bei einmaliger Bereitstellung besteht die Update-Verpflichtung für einen Zeitraum, in dem der Verbraucher Updates vernünftigerweise erwarten kann, bei fortdauernder Bereitstellung richtet sie sich dagegen nach der vereinbarten Vertragsdauer.

Mit der Warenhandels-RL („SGD“) wird das bestehende Gewährleistungsrecht reformiert und an die Anforderungen der digitalen Welt angepasst. Neben herkömmlichen Waren fallen in den Anwendungsbereich dieser Richtlinie nämlich auch sogenannte Waren mit digitalen Elementen. Zu diesen zählen beispielsweise Smartphones, moderne Fitness-Armbaduhren oder smarte Heimüberwachungssysteme. Für diese Waren mit digitalen Elementen – und das ist auch hier eine der zentralen Neuerungen – führt die Richtlinie eine Update-Verpflichtung des Verkäufers bezüglich der digitalen Elemente ein. Wie in der DCD richtet sich in Fällen, in denen die digitalen Elemente mit einer einzigen Lieferung bereitgestellt werden, die Länge der Update-Verpflichtung nach der Verbrauchererwartung. In anderen Fällen, in denen die digitalen Inhalte und Dienstleistungen nach dem Vertrag fortdauernd bereitgestellt werden, gilt die Update-Verpflichtung dagegen grundsätzlich für mindestens zwei Jahre und bei einer Vertragsdauer von mehr als zwei Jahren, wie in der DCD, für die gesamte Vertragsdauer. Neben dieser gänzlich neuen Update-Verpflichtung, reformiert die SGD, wie bereits erwähnt, auch das bestehende Gewährleistungsrecht. Eine wichtige Änderung dabei ist beispielsweise die Verlängerung der Beweislastumkehr zu Gunsten des Verbrauchers von sechs Monaten auf ein Jahr. Mitgliedstaat steht es hier frei auch eine zweijährige Beweislastumkehr einzuführen oder zu behalten.

Was das neue Gewährleistungsrecht wirklich für Verbraucher aber auch Unternehmer bringt, wird die Zukunft zeigen. Zur Anwendung in der Praxis wird das neue Gewährleistungsrecht nämlich erst zweieinhalb Jahre nach Verabschiedung der Richtlinien kommen. Unternehmern und Verbrauchern bleibt also noch viel Zeit sich auf die neuen Regeln einzustellen.

Bericht zum „Österreichischen Konsumentendialog – Neugestaltung der Rahmenbedingungen für KonsumentInnen“

Schmitt

Wolfgang Schmitt, LL.M. (WU), MA. (Verein für Konsumenteninformation)

Die Europäische Kommission lud gemeinsam mit der österreichischen Ratspräsidentschaft am 25.9.2018 ins Haus der Europäischen Union in Wien, um die jüngste Gesetzesinitiative der Europäischen Kommission zum „New Deal for Consumers“ zu diskutieren.

Nach einer Begrüßung durch den Leiter der Vertretung der EU-Kommission in Österreich Wolfgang Bogensberger wurde der Konsumentendialog durch die Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz Beate Hartinger-Klein eröffnet, gefolgt von einer Keynote von EU-Kommissarin Věra Jourová mit anschließender Fragerunde der KonsumentensprecherInnen der österreichischen Parlamentsparteien.

Zentrale Elemente des New Deal for Consumers

Bundesministerin Hartinger-Klein bekannte sich in ihrer Eröffnung klar zu den Zielen des New Deal und befürwortete sowohl eine materiell- als auch verfahrensrechtliche Stärkung der Verbraucherrechte. Das Ergebnis der umfangreichen Evaluierungen der EU-Kommission habe immense Defizite im Bereich der Rechtsdurchsetzung ergeben. Unternehmer, die gegen EU-Recht verstoßen, könnten Millionen von Verbrauchern in etlichen Wirtschaftssektoren schaden. Rechtspolitischer Handlungsbedarf sei jedenfalls gegeben.

Die Diskussion zum Vorschlag der europäischen Verbandsklage stehe erst am Beginn und es bedürfe noch vieler Klarstellungen, die herbeizuführen Aufgabe insbesondere des österreichischen Vorsitzes sei. Wichtig ist Hartinger-Klein die mit dem Vorschlag bezweckte Effektuierung der kollektiven Rechtsdurchsetzung, die europäischen Grundsätzen des Verfahrensrechts verbunden sei. So erfolge eine klare Abgrenzung der europäischen Verbandsklage zu amerikanischen Verhältnissen, weil kein (Straf-)Schadenersatz (punitive damages) vorgesehen sei und die Mitgliedstaaten ihre Systeme zum Kostenersatz im Verfahren beibehalten können. Ferner werde Klagsmissbrauch unterbunden, weil nur gemeinnützige Organisationen klageberechtigt seien. Rechtskonform agierende Unternehmen hätten keine Nachteile zu befürchten. Auch für Unternehmen könne sich die Reform kostenmindernd auswirken. Das Ziel des Vorschlags, Rechtssicherheit, Effizienz und damit auch eine Entlastung der Gerichte zu erreichen, finde ihre Unterstützung, so Hartinger-Klein. Die Erfahrungen in Österreich mit Verbands- und Sammelklagen würden jene Probleme aufzeigen, die der Entwurf einer Lösung zuführen will: Verjährungsproblematik, fehlende Bindungswirkung, keine aktive Entschädigung für individuelle Verbraucher, keine Einklagung von Bagatellschäden und der damit einhergehende Verbleib von Unrechtsgewinnen beim rechtswidrig handelnden Unternehmer. Der Vorschlag sei ein Schritt in die richtige Richtung. Den Mitgliedstaaten müssten jedoch ausreichende Spielräume bleiben, den Vorschlag in innerstaatliches Verfahrensrecht zu integrieren.

Sie unterstütze auch die Vorschläge der Kommission zum Schutz des Verbrauchers, wenn er seine persönlichen Daten als Entgelt hergibt und die Ausweitung der Informationspflichten für Onlineplattform-Betreiber.

Die Rechtsdurchsetzung von Verbraucherrechten steht auch für Kommissarin Jourová im Fokus des New Deal. Die Notwendigkeit zur europäischen Verbandsklage zeige sich ua am Umgang des VW-Konzerns mit dem Abgasskandal. Die Kommissarin beschreibt ihre Gespräche mit VW hierzu als enttäuschend. Der Abgasskandal zeige die Schwächen der Rechtsdurchsetzung der europäischen Verbraucherrechte sehr deutlich. Während es in den USA rasch zu hohen Entschädigungszahlungen gekommen sei, haben die europäischen Konsumenten bis dato keine Vergütungen erhalten. Solche Situationen gelte es in Zukunft zu vermeiden.

Bei Online-Plattformen sieht die Kommissarin dringenden Bedarf zur Verbesserung der Transparenz. In der Praxis hätten viele Konsumenten Probleme zu verstehen, wer Verkäufer der Ware oder Dienstleistung ist. Bei den Rücktrittsrechten im Fernabsatz gilt es laut Jourová, gegenüber den Unternehmen Fairness herzustellen, indem das Rücktrittsrecht bei übermäßigem Gebrauch der Ware ausgeschlossen werden soll.

Die Konsumentenschutzsprecher von ÖVP, SPÖ und Liste Pilz bringen ihre grundsätzliche Unterstützung zu den Kommissionsvorschlägen zum Ausdruck und weisen jeweils auf die Bedeutung der Verbesserung der Rechtsdurchsetzung hin. Auf die Frage von Peter Weidinger (ÖVP), ob die europäische Verbandsklage ein Opt-In oder Opt-Out-System vorsehe, antwortet Kommissarin Jourová, dass es den Mitgliedsstaaten überlassen werde, selbst ein System auszuwählen.

Zentrale Fragen im Rat und im Europäischen Parlament

Der fachliche Teil der Veranstaltung wurde eingeleitet von Ulrich Schuh, Sektionschef im Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort und Georg Kathrein, Sektionschef im Bundesministerium für Verfassung, Reformen, Deregulierung und Justiz, die Einblicke zum Stand der Diskussion in den Ratsarbeitsgruppen geben.

Schuh berichtet, es handle sich bei der in sein Ressort fallenden Novellierung der UGP-Richtlinie und der RL für Preisauszeichnung um eine komplexe und umfangreiche Materie, bei deren Umsetzung besonders auf einen Mehrwert für BürgerInnen und die Wechselwirkungen mit anderen Materien geachtet werden müsse. Es gäbe noch eine Reihe von zu klärenden inhaltlichen und technischen Themen, etwa die Wechselwirkung des in Art 11a UGP-RL vorgesehenen Vertragsrücktritts mit den bestehenden zivilrechtlichen Möglichkeiten zu Verbesserung und Austausch, die Rechtsunsicherheit insbesondere für KMUs betreffend die Verfahrensdauer und die Überlappungen mit der CPC-Verordnung. In Hinblick auf das Sanktionenregime gäbe es berechtigte Sorgen betreffend einer Durchbrechung des Subsidiaritätsprinzips; hier bedürfe es noch erheblicher Diskussionen, um zu einem überzeugenden Ergebnis zu gelangen. Auch in Hinblick auf die Vorschläge betreffend Dual Quality of Products sei eine technisch saubere Lösung angesichts der nötigen Abgrenzung zu unterschiedlichen Vorlieben (etwa iZm marmoriertem Rindfleisch aus Japan in Hinblick auf die Präferenzen österreichischer Konsumenten nach trockenem Fleisch) schwierig. Es sei bei Umsetzung der RL im Rat noch einiges an Verhandlungen nötig, um einen Mehrwert und Rechtssicherheit für KonsumentInnen und Unternehmer zu schaffen. Dabei stehe die Qualität im Vordergrund; ein vorschneller Abschluss liege nicht im Sinne der KonsumentInnen. Ein Abschluss in diesem Jahr könne nicht in Aussicht gestellt werden.

Aus Sicht des Vorsitzes in der für die Verhandlungen zur Verbandsklage zuständigen Ratsarbeitsgruppe im BMVRDJ berichtet Georg Kathrein, es bestehe noch erheblicher Verhandlungs- und Klärungsbedarf. Politische Widerstände und fachliche Schwierigkeiten bestünden sowohl in Österreich als auch auf europäischer Ebene. Nun gelte es, die Vorstöße der Kommission ausreichend zu diskutieren, fachlich auf ihre Stärken und Schwächen zu prüfen und Widerstände auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Mit einem Abschluss bis zum Ende der österreichischen Präsidentschaft sei nicht zu rechnen.

Podiumsdiskussion: Zukunft der Verbraucherpolitik und zentrale Herausforderungen

Zu zentralen Herausforderungen und Zukunft der österreichischen sowie EU-Verbraucherpolitik diskutierten am Panel anschließend Artur Schuschnigg, Wirtschaftskammer Österreich, Gabriele Zgubic-Engleder, Bundesarbeitskammer, Maria Wittman-Tiwald, Handelsgericht Wien, Petra Leupold, Verein für Konsumenteninformation, und Paul Oberhammer, Universität Wien.

Der vorgeschlagene Ausschluss des Rücktrittsrechts bei Fernabsatzgeschäften wegen übermäßigen Gebrauchs wird von Schuschnigg als Signal für Fairness und Nachhaltigkeit und unter Verweis auf Missbrauchsfälle auf Verbraucherseite begrüßt. Leupold und Oberhammer nehmen kritisch Stellung. Bei den Missbrauchsfällen handle es sich um Randphänomene, die eine Änderung der grundsätzlichen Risikoverteilung zwischen Unternehmer und Verbraucher als nicht notwendig erscheinen ließen. Aufgrund von Randphänomenen eine Regelung zu schaffen, die in allen Fällen Streitpotenzial schafft, halten sie für falsch. Leupold und Zgubic-Engleder betonen ferner, dass das Rücktrittsrecht ein zentrales Element für das Vertrauen in den Online-Handel darstelle, welches durch den Vorschlag geschwächt würde.

Aus dem Publikum gibt Roman Seeliger (WKÖ) zu bedenken, für Klein- und Kleinstunternehmer stelle die Rücknahme von benutzten Waren im Vergleich zu größeren Unternehmen eine besondere wirtschaftliche Herausforderung dar. Leupold äußert Verständnis, verweist aber auf das geltende Recht, welches für diese Fälle als Interessenabwägung einen Wertersatz des Unternehmers vorsieht, der seinen Schaden ausgleichen soll, und bezweifelt, dass ein Ausschluss des Rücktrittsrechts für kleine Unternehmer im Mitbewerb mit den großen Playern in praxi positive Effekte haben würde, da diese das Rücktrittsrecht wohl nach wie vor auch in diesen Fällen beibehalten dürften.

Zur Frage der „Gratis“-Dienste, deren Modell auf Daten statt Bezahlung basieren, sehen Leupold und Zgubic-Engleder Regelungsbedarf, um den Wert von Daten im Austauschverhältnis sachgerecht zu berücksichtigen. Schuschnigg spricht sich für ausgewogene Lösungen aus, die beide Interessen berücksichtigen, verweist aber auf die Schwierigkeiten einer Bewertung und darauf, dass nicht jedes Datum werthaltig sei.

Alexander Klauser (bkp Rechtsanwälte) kritisiert in seiner Wortmeldung, dass der österreichische Gesetzgeber den Zivilrechtsweg für datenschutzrechtliche Ansprüche beschnitten und den Betroffenen EU-rechtswidrig mit Ausnahme für Schadenersatzansprüche ausschließlich auf den Verwaltungsrechtsweg verwiesen habe. Wittmann-Tiwald schließt sich der Kritik an und spricht sich für eine Beibehaltung der früheren Rechtslage in Hinblick auf die Zuständigkeit der ordentlichen Gerichtsbarkeit für die Geltendmachung von Unterlassungs-, Feststellungs- und Bereicherungsansprüchen aus. Leupold hält einen Ausschluss der ordentlichen Gerichtsbarkeit für EU-rechtswidrig und die DSGVO insofern für unmittelbar anwendbar, was nun in Musterprozessen einer Klärung zugeführt werden müsse. Sie kritisiert, dass im Datenschutzrecht keine effektive Verbandsklagsmöglichkeit bestehe und eine Abstimmung der sachlichen und örtlichen Zuständigkeit für sämtliche Ansprüche Betroffener im Umsetzungsgesetz nicht erfolgt sei, was in Hinblick auf die Vorgaben des Art 47 GRC bedenklich sei. Zgubic sieht es als positiv an, dass der RL-Vorschlag zur Verbandsklage auch Datenschutzangelegenheiten umfasst. SC Georg Kathrein betont, dass mit der Zuständigkeit der Datenschutzbehörde und dem Rechtszug ans Bundesverwaltungsgericht eine günstige Rechtsschutzmöglichkeit mit einfachem Verfahren für Betroffene geschaffen worden sei. Klauser weist darauf hin, dass am Verwaltungsrechtsweg keine Auskunft über die Werthaltigkeit der Daten und kein Exekutionstitel für Betroffene zu erlangen sei.

In weiterer Folge beschäftigt sich die Diskussion mit der europäischen Verbandsklage. Hierzu wird schon in der Einleitung von Moderator Peter Resetarits auf die lange Vergangenheit dieser Diskussion hingewiesen.

Oberhammer führt aus, dass das Modell der österreichischen Sammelklagen bereits seit ca 20 Jahren praktiziert werde. Weder der Entwurf aus 2005/2006 noch der Anstieg der Fallzahlen nach der Bankenkrise 2008 oder die Empfehlung der Kommission aus 2013 hätten eine gesetzliche Lösung gebracht. Die pragmatischen und ausgewogenen Vorschläge der Arbeitsgruppe im BMJ vor zwei Jahren, die Gerichten einen fairen und sinnvollen Umgang mit dem vorhandenen Phänomen erlaubt hätten, seien nicht umgesetzt worden. Nunmehr enthalte das Regierungsübereinkommen auch kein Bekenntnis mehr zu einer gesetzlichen Regelung. Vor diesem Hintergrund sei es überraschend und spannend, dass die Europäische Kommission nun die Diskussion mit einem sehr ausformulierten Vorschlag zurückgebracht habe.

Schuschnigg bezeichnet es als kein Betriebsgeheimnis, dass die aufkeimende Diskussion rund um europäische Verbandsklagen aus Wirtschaftssicht nicht sonderlich von Applaus begleitet wäre. Zwar sei es nicht Ziel der Wirtschaft, die „schwarzen Schafe“ unter den Unternehmern zu schützen. Auch aus Unternehmenssicht sei es wesentlich, dass Verfahren beschleunigt durchgeführt werden. Dennoch sei ein Gerichtsverfahren dazu da, dass unabhängige Richter neutral feststellen, ob ein geltend gemachter Anspruch zu Recht bestehe oder nicht. Der vorgelegte Entwurf sei demgegenüber unternehmerfeindlich und verletze krass wesentliche Grundprinzipien wie das rechtliche Gehör, die Waffengleichheit und die Dispositionsfreiheit. So sei etwa nur der Unternehmer verpflichtet, Beweise vorzulegen und es gebe eine einseitige Bindungswirkung, was kontinentaleuropäischen Rechtstraditionen widerspreche. Durch ein Opt-Out-System könne der Unternehmer nie wissen, ob und wann er sämtliche Ansprüche befriedigt habe.

Leupold verweist auf Erfahrungswerte aus 17 anderen europäischen Ländern, die bereits kollektive Rechtsdurchsetzungsinstrumente eingeführt haben. Österreich habe seinerzeit die Chance verpasst, im kollektiven Rechtsschutz eine Vorreiterstellung einzunehmen, mittlerweile hinke man der Entwicklung hinterher. Nun erweise sich der europäische Gesetzgeber einmal mehr als Motor der Rechtsentwicklung im Verbraucherrecht. Der Kommissionsentwurf sei angesichts des status quo des Kollektivrechtsschutzes in Österreich ein Meilenstein. Die Partout-Ablehnung von Teilen der Wirtschaft hält sie für nicht nachvollziehbar, da die Einführung von effizienten Kollektivrechtsschutzinstrumenten gerade für österreichische Unternehmen auch Vorteile bringe. Die derzeitige Rechtslage erschwere etwa die Klageführung gegen ausländische Unternehmen. In der Praxis führe dies dazu, dass zB bei der VW-Sammelklage nicht ein Verfahren geführt werden kann, sondern an allen 16 Landesgerichten Sammelklagen organisiert werden mussten. Darüber hinaus hätten Unternehmen auch als Mitbewerber und Geschädigte ein Interesse daran, dass Massenschäden rasch und effizient abgewickelt werden. Dass zum vermeintlichen Schutz des Verbrauchers grundrechtliche Bedenken wie Dispositionsmaxime und rechtliches Gehör ins Treffen geführt werden, empfindet sie als zynisch und verweist auf Diskussionen, wonach das Fehlen adäquater kollektiver Rechtsschutzinstrumente in Europa umgekehrt gegen Art 6 MRK verstoßen könnte und eine Zuständigkeit der USA nach der forum-non-conveniens-Doktrin begründet.

Wittman-Tiwald weist darauf hin, dass es Massenschäden und Sammelklagen bereits seit vielen Jahren gibt, diese erwartungsgemäß nicht weniger werden und die Gerichte unter den derzeitigen verfahrensrechtlichen Rahmenbedingungen verstopfen. Geschädigte würden sich jetzt und in Zukunft über Verbände, Plattformen und Anwälte organisieren. Derzeit nutze man einerseits die Sammelklage österreichischer Prägung und andererseits in Hinblick auf die Verjährungsproblematik den Privatbeteiligtenanschluss im Strafverfahren. Ihrer Ansicht nach braucht es mehrere kollektive Rechtsschutzinstrumente: eine Musterfeststellungsklage, eine Sammelklage, einen Sammelvergleich sowie auch verfahrensrechtliche Bestimmungen zur Verbesserung der Prozessökonomie. Die Gerichte würden solche Instrumente benötigen, um ein effizientes Verfahren führen zu können. Das Handelsgericht Wien beschäftige sich etwa nach wie vor mit der Aufarbeitung von Massenschäden aus den Jahren 2008-2009.

Zgubic erläutert die Nachteile der Sammelklage österreichischer Prägung. Diese sei organisatorisch aufwändig, berge ein hohes Prozesskostenrisiko, erfordere eine Prozessfinanzierung und die Abtretung an den Verband führe zum Verlust des Verbrauchergerichtsstands. Der Vorschlag der Kommission sorge dafür, dass nach einem gewonnenen Verbandsverfahren das rechtswidrig verrechnete Entgelt auch tatsächlich bei den Konsumenten ankomme und eine prozessökonomische Klärung von gemeinsamen Fragen in einem Musterverfahren aufgrund der Hemmung der Verjährung für alle anderen Ansprüche möglich sei. Klauser ergänzt, die Sammelklage österreichischer Klärung sei derzeit das einzige Instrument, um eine Verjährung von Ansprüchen Betroffener zu verhindern, führe in der Praxis aber zu langwierigen Streitigkeiten über formale Fragen wie Zuständigkeit, Bündelungsfähigkeit und Zulässigkeit der Prozessfinanzierung. Ferner bewirke die Sammelklage zwar Kostendegressionseffekte in der Anfangsphase; diese würden sich aber im Lauf des Prozesses ins Gegenteil verkehren.

Nach Schuschnigg geht der Vorschlag der Kommission vom Grundsatz ab, dass Anspruchsteller in Gruppenverfahren nicht mehr und nicht weniger erhalten sollen als im Individualverfahren. Bei Sachverhaltskonstellationen, die für alle gleich sind (etwa ob ein Prospekt richtig oder falsch sei), habe man sich für eine Erweiterung von Möglichkeiten für Zwischenfeststellungsanträge ausgesprochen. Dass individuelle Schäden nicht gleich gemacht werden, sei aber ein Grundsatz des europäischen Schadenersatzrechts.

Daran anknüpfend unterscheidet Oberhammer Fälle, in denen sich gemeinsame Vorfragen stellen (zB Prospekthaftung) sowie Fragen, die bei allen Klägern unterschiedlich sind. Letztere seien bei Zugrundelegung des österreichischen Privatrechts nicht kollektivierbar. Für erstere hätten die Gerichte dagegen ohnehin bereits den Boden traditioneller ZPO-Rechtsprechung verlassen, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Wolle man etwa einen Zeugen in sämtlichen Prozessen zu denselben Fragen vernehmen, diene dies nicht mehr der Wahrheitsfindung im Prozess, sondern sei eine Perversion, für die eine Lösung gefunden werden müsse. Der New Deal enthalte hier zum Teil überzeugende Lösungen, zum Teil nicht. Es müsse aber jedenfalls eine Antwort vom Gesetzgeber geben.

Aus dem Publikum äußern Peter Kolba, Verbraucherrechtsexperte und Bürgerrechtssprecher der Liste Pilz und Johann Maier, Leiter der Konsumentenberatung der AK Salzburg und ehem Abgeordneter zum NR (SPÖ), Unmut über die Position (von Teilen) der WKÖ, die einen Fortschritt in Richtung kollektiver Rechtsschutzinstrumente seit 20 Jahren verhindern würden. Laut Kolba bewirkt das derzeitige System, dass sich Unrecht lohnt und sei das Gegenteil von Prozessökonomie (Beispiel: VW, wo an sämtlichen Landesgerichten und nahezu jedem Bezirksgericht Verfahren anhängig seien). Aus prozessökonomischer Sicht und zur Beschleunigung der Verfahren sei ein Opt-out-Ansatz wie in den Niederlanden der einzige Weg, um ein aus Unternehmersicht rationales Verschleppen von Verfahren bis zum Ablauf der dreijährigen Verjährungsfrist für die nicht angemeldeten Ansprüche hintanzuhalten. Schuschnigg bezeichnet das niederländische Modell als ein für die WKÖ nicht akzeptables Erpressungsmodell. Maier appelliert an die österreichische Ratspräsidentschaft, den Vorschlag voranzutreiben und umzusetzen.

Thomas Hirmke (VKI) ergänzt, dass durch das Fehlen von kollektiven Rechtsdurchsetzungsinstrumenten Unternehmen keine signifikanten wirtschaftlichen Konsequenzen entstehen, die jedoch als Anreiz notwendig wären, ein derartiges Fehlverhalten in Zukunft zu unterlassen. So habe sich VW nach realistischen Schätzungen in Österreich rund 500 Mio Euro pro Jahr erspart, während sich die vom VKI für 10.000 Geschädigte eingeklagten Beträge auf 60 Mio Euro belaufen.

Schuschnigg kritisiert, dass der Entwurf nicht nur im Dieselskandal oder für große Unternehmen gilt, sondern ohne Differenzierung für alle Unternehmer. Den vorgesehenen Beweisvorlagepflichten des Unternehmers etwa liege die falsche Annahme zugrunde, dass der Unternehmer stets der Mächtigere sei. Er vermisst ferner eine Differenzierung dahingehend, ob die Kollektivierung tatsächlich zu einer Verfahrensbeschleunigung führt oder – etwa wenn es nur zwei Verbraucher betrifft – mit Einzelverfahren schneller gearbeitet werden könne.

Leupold führt aus, dass mit dem Vorschlag der Kommission keine Einführung von neuen Ansprüchen oder von punitive damages einhergehe, sondern es stets um die Geltendmachung und Durchsetzung bestehender Ansprüche gehe. Ein Interesse von Unternehmerseite, dass bestehende Ansprüche mangels prozessualer Möglichkeiten nicht oder nicht effektiv durchgesetzt werden können, sei aber nicht schutzwürdig. Bei den vorgesehenen Beweisvorlagepflichten handle es sich nicht um eine Discovery (Beweisausforschung) nach amerikanischem Recht. Im Einklang mit österreichischen Rechtsgrundsätzen bleibe es vielmehr bei Substantiierungs- und Beweislasten aufseiten des klagenden Verbands. Die Beweisvorlagepflichten würden primär der Identifizierung der geschädigten Verbraucher dienen und daher auch die Waffengleichheit nicht tangieren.

Zgubic zufolge sieht der Vorschlag differenzierende Lösungen vor. Sie betont, eine Entschädigung Betroffener setze stets die vorherige Feststellung der Rechtswidrigkeit durch das Gericht voraus. Ferner sei mit der Einschränkung der Klagsbefugnis auf qualifizierte Einrichtungen eine Hürde eingezogen. Sie verweist auf die bisherigen österreichischen Verfahren, die stets berechtigte Ansprüche betroffen hätten und in denen stets gute Lösungen auf dem Vergleichsweg gefunden worden seien. Amerikanische Verhältnisse würden mit dem Vorschlag nicht einhergehen.

In Zusammenhang mit Bagatell- und Streuschäden betonen Zgubic und Leupold die Wesentlichkeit eines opt-out-Ansatzes. Dieser ist nach Leupold für effektives Private Enforcement unerlässlich, da bei Bagatellschäden selbst für eine Teilnahme an Sammelklagen keinerlei Anreiz bestünde, sich Unrecht andernfalls lohne und das Recht seine verhaltenssteuernde Wirkung nicht entfalten könne. Schuschnigg kritisiert, dass die Richtlinie nicht definiere, wann ein Bagatellschaden vorliegt. Ferner werde die rationale Apathie des Verbrauchers in Hinblick auf das Hinausoptieren nicht problematisiert.

Wittmann-Tiwald betont, dass es kollektiver Rechtsschutzinstrumente braucht, um Massenschäden nicht über medialen Druck auf Unternehmer, sondern rechtsstaatlich abzuhandeln. Massenverfahren hätten eigene Dynamiken, auf die man als Gesetzgeber reagieren sollte. In Hinblick auf die Einschränkung der Klagsbefugnis auf qualifizierte Einrichtungen habe man in Österreich bisher mit der Verbandsklage sehr gute Erfahrungen gemacht. Bezüglich der Geschädigten plädiert sie für eine Erweiterung auf Unternehmer, die ebenfalls kollektiven Rechtsschutz benötigen.

Oberhammer resümiert, dass in der Diskussion rund um die Einführung kollektiver Rechtsschutzinstrumente in Österreich nach wie vor dieselben Argumente wie vor 10 bis 20 Jahren im Raum stehen, bedauert, dass eine Weiterentwicklung nicht in Aussicht sei und Österreich hier internationalen Entwicklungen und der Realität hinterherhinke. Die Argumente gegen kollektive Rechtsschutzinstrumente würden auch bei unternehmensfreundlicher Grundhaltung Geboten der Vernunft zuwider laufen. Weder würden mit dem New Deal in Österreich amerikanische Verhältnisse drohen noch bestehe eine Gefahr missbräuchlicher Klagstätigkeit; auch die Gefahr von Sammelklagen gegen KMUs sehe er nach den bisherigen Erfahrungen nicht. Wenn Österreich sich am Rechtsgestaltungsprozess auf europäischer Ebene beteiligen wolle, wäre es gefordert, diese alten ideologischen Gräben endlich zu überwinden und sich den Inhalten des Richtlinienvorschlags zu widmen.

Fazit

Zum Abschluss der Veranstaltung fasste Peter Bischoff-Everding, stv Leiter des Referats Verbraucher- und Marketingrecht, Generaldirektion Justiz und Verbraucher, Verlauf der Diskussion und Statements zusammen.

25 Jahre Klagen für Verbraucher in Österreich – Anmerkungen aus Sicht eines deutschen Verbraucherverbandes

Lell

Dr. Otmar Lell (Teamleiter Recht und Handel vzbv, Berlin)[1]

Rechtsdurchsetzung für Verbraucher durch die deutschen Verbraucherverbände[2]

Österreich und Deutschland haben ähnliche Traditionen bei der Durchsetzung des Verbraucherrechts. Das fällt besonders im europäischen Kontext auf. In vielen europäischen Mitgliedstaaten ist die Durchsetzung des Verbraucherrechts eine behördliche Aufgabe. Deutschland und Österreich mit ihrer zivilrechtlichen Tradition und mit der starken Rolle der Verbraucherverbände nehmen hier eine Sonderstellung ein. Gleichzeitig wird aber gerade Deutschland und Österreich immer wieder bestätigt, dass es hier ein gutes Niveau bei der Einhaltung des Verbraucherrechts gibt.

Auch im Detail, wenn es um die konkreten Fallkonstellationen geht, bei denen die Verbraucherverbände aktiv werden, gibt es viele Parallelen zwischen Österreich und Deutschland. Wie für den VKI ist auch für den vzbv eine verbrauchergerechte Lebensmittelkennzeichnung ein Dauerthema – beispielsweise hat der vzbv mit dem „Teekanne“-Verfahren eine Entscheidung des EuGH herbeigeführt, wonach eine Lebensmitteletikettierung irreführend sein kann, auch wenn im Zutatenverzeichnis alle Zutaten korrekt aufgeführt sind. Streitgegenstand war ein Tee mit der Bezeichnung „Felix Himbeer-Vanille-Abenteuer“, wobei der Tee weder Himbeeren noch Vanille noch Bestandteile davon enthielt.

Der vzbv verfolgt mit seiner Rechtsdurchsetzung zwei Ziele:

  • Das erste Ziel ist die Marktbereinigung, also ein permanenter Blick auf das Marktgeschehen, damit die geltenden verbraucherrechtlichen Vorschriften auch tatsächlich eingehalten werden. Hier war in den letzten Jahren etwa im Bereich der Flugreiseportale viel zu tun. Bei Internet-Flugportalen waren irreführende Angaben sehr verbreitet, etwa unzutreffende Preisangaben, die im Verlauf eines Buchungsvorgangs immer weiter anstiegen.
  • Das zweite Ziel ist die Rechtsfortbildung. Der vzbv greift mit Blick hierauf auch unklare Rechtsfragen auf, um hier eine gerichtliche Klärung herbeizuführen. Dabei geht der vzbv immer wieder auch bewusst das Risiko ein, vor Gericht zu verlieren. Wenn die Rechtsauffassung des vzbv gerichtlich bestätigt wird, dann ist die Rechtsfrage im Sinne der Verbraucher geklärt, wenn das Gericht diese Rechtsauffassung nicht teilt, dann ist das häufig Grund, auf politischem Wege eine entsprechende Gesetzesänderung anzustoßen. In diesem Zusammenhang haben vzbv und Verbraucherzentralen in den letzten Jahren viele Gerichtsverfahren gegen die großen Internetunternehmen geführt. Beispielsweise wurde aufgrund einer Klage der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gerichtlich entschieden, dass der „Dash Button“ von Amazon gegen die Informationspflichten der Verbraucherrechterichtlinie verstößt, weil Verbraucher nicht über Preisänderungen informiert werden. In erster Instanz negativ beschieden wurde kürzlich die Klage des vzbv gegen den Werbeslogan von Facebook: “Facebook ist und bleibt kostenlos“. Der vzbv hält diese Aussage für irreführend, weil Verbraucher für die Dienste von Facebook mit ihren Daten bezahlen. Sollte der Klage nicht in höherer Instanz noch stattgegeben werden, ist dies möglicherweise Anlass für eine Klarstellung durch den Gesetzgeber.

„Geld zurück“ als Konsequenz aus den Klagen der Verbraucherverbände?

Der Schwachpunkt bei den Klagemöglichkeiten der Verbraucherverbände in Deutschland ist derzeit die Kompensation von Verbrauchern, die durch Verbraucherrechtsverstöße geschädigt werden. Das deutsche Recht kennt keine effiziente Möglichkeit zur Bündelung von Ansprüchen vor Gericht. Anders als in Österreich haben die Gerichte die Bündelung von Ansprüchen durch Verbraucherzentralen im Wege der Streitgenossenschaft oder im Wege von Abtretungsklagen ablehnend behandelt. Mit erheblichem organisatorischem Aufwand konnten in Deutschland Betroffene im niedrigen dreistelligen Bereich in einer Klage gebündelt werden. Für wirkliche Massenschadensereignisse ist diese Zahl viel zu niedrig.

Wie in Österreich wird auch in Deutschland schon lange diskutiert über gesetzliche Verfahren zur kollektiven Durchsetzung von Verbraucheransprüchen. Mit dem VW-Skandal des Jahres 2015 ist deutlich geworden, dass der Bedarf nach solchen Instrumenten unabweisbar ist. Gleichzeitig hat der VW-Skandal aber große Ängste geweckt, dass durch kollektive Verbraucherklagen Unternehmen in den Ruin getrieben werden könnten. Deshalb wurde die Forderung nach kollektiven Klageinstrumenten in der letzten Legislaturperiode auf die lange Bank geschoben und letztlich nicht umgesetzt.

Die neue, erst am 14. März 2018 vereidigte Bundesregierung hat nun klar und deutlich angekündigt, dass sie bis zum 1. November 2018 ein Gesetz zur Verankerung einer Musterfeststellungsklage verabschieden wird. Der Zeitpunkt ist so gewählt, damit Ansprüche von geschädigten VW-Kunden vor der Verjährung zum Auslaufen des Jahres 2018 geschützt werden können. Allerdings wird es die Verbraucherverbände vor eine große Herausforderung stellen, eine Klage zugunsten der geschädigten VW-Kunden noch rechtzeitig auf den Weg zu bringen. Der vzbv setzt in das von der Bundesregierung angekündigte Gesetzesvorhaben große Hoffnung und wird den Gesetzgebungsprozess intensiv begleiten, damit diese Hoffnungen sich auch tatsächlich realisieren.

Anmerkungen zu den rechtspolitischen Reformüberlegungen in Österreich

Die Tagung des VKI zu „25 Jahren Klagen für Verbraucher“ hat deutlich gemacht, dass auch in Österreich trotz der sehr erfolgreichen Sammelklagen des VKI Bedarf für die gesetzliche Verankerung von kollektiven Klageinstrumenten besteht. Die Sammelklage „österreichischer Prägung“ verlangt vom klagenden Verband letztlich einen unangemessen hohen Aufwand für das Sammeln und Abtreten von Ansprüchen. Durch eine gesetzliche Regelung von Musterklagen oder Gruppenklagen ließe sich dieser Aufwand reduzieren und die Wirkung von Verbandsklagen zugunsten der Verbraucher steigern.

Die vorliegenden Gesetzesentwürfe der SPÖ und der Liste Pilz reichen an einem wichtigen Punkt deutlich weiter als das Konzept des deutschen Gesetzgebers für eine Musterfeststellungsklage: Die Verjährungshemmung durch ein Musterklageverfahren soll nach beiden Gesetzentwürfen allen potentiellen Anspruchsinhabern zugute kommen, also nicht nur denjenigen, die sich in ein Klageregister eintragen. Eine solche Musterklage ist deutlich wirksamer als ein reines „Opt-In-Modell“, welches von den Verbrauchern verlangt, dass sie sich innerhalb eines bestimmten Zeitraums in ein Klageregister eintragen. Das wird immer nur ein geringer Bruchteil der tatsächlich Betroffenen tun. Die österreichischen Reformvorschläge wissen sich mit dem (partiellen) „Opt-Out-Ansatz“ auch im Einklang mit den Vorschlägen der EU-Kommission für einen „New Deal for Consumers“ vom 11. April 2018. Die EU-Kommission erkennt der „Unterlassungsklage Plus“ ebenfalls verjährungshemmende Wirkung zugunsten aller potentiellen Anspruchssteller zu.

Im Sinne eines europaweiten Fortschritts zugunsten der Verbraucher bleibt zu wünschen, dass die bei der Tagung erkennbare parteiübergreifende Sympathie für ein kollektives Klageinstrument in Österreich zu einem konkreten Gesetzesbeschluss führen wird.

[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien im Rahmen einer Podiumsdiskussion abgegebenen Statements.

[2] Der vzbv (Verbraucherzentrale Bundesverband) ist der Dachverband der Verbraucherzentralen und Verbraucherverbände in Deutschland, in gewisser Weise die Schwesterorganisation des österreichischen VKI, allerdings mit einer föderalen Untergliederung, den Verbraucherzentralen der deutschen Bundesländer, und ohne den Bereich der Waren- und Dienstleistungstests – diese werden in Deutschland von der Stiftung Warentest durchgeführt. Der vzbv ist ebenso wie die Verbraucherzentralen klagebefugt nach dem deutschen Unterlassungsklagengesetz und kann beispielsweise rechtswidrige Allgemeine Geschäftsbedingungen oder Wettbewerbsverstöße vor Gericht bringen und Unternehmen zur Unterlassung der Rechtsverstöße verpflichten lassen.

 

New Deal for Consumers

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Dr. Petra Leupold, LL.M. (UCLA), Leiterin der VKI Akademie[1]

Die EU-Kommission wird heute ihre Pläne zur Reform des EU-Verbraucherrechts vorstellen. Die Proposals sind mit Spannung erwartet worden. Dem New Deal war eine umfangreiche Analyse des geltenden Verbraucherrechts-Acquis auf Effektivität und Tauglichkeit (Fitness-Check, REFIT[2]) vorausgegangen. Wenig überraschendes Resultat: Bei der Rechtsdurchsetzung gibt es Handlungsbedarf. So zeigt der jüngst veröffentlichte Collective Redress Report (COM(2018) 40 final), dass in den meisten Mitgliedstaaten bei Massenschäden entweder keine oder keine wirksamen Instrumente zur Verfügung stehen. Die individuelle Rechtsdurchsetzung durch VerbraucherInnen scheitert oft an ökonomischen und prozessrechtlichen Hürden, die sich in grenzüberschreitenden Fällen potenzieren. Die Kommission scheint nun nicht zuletzt im Lichte des VW-Skandals, der bei einem vergleichsweise eindeutigen Verstoß gegen EU-Recht massive Defizite bei der Rechtsdurchsetzung in den Mitgliedstaaten offenbart hat, entschlossen, dies zu ändern.

Eckpunkte des New Deal

Der New Deal enthält ein Bündel von Maßnahmen zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung, sieht aber auch punktuelle Änderungen im materiellen Recht vor, die ua die neuen Herausforderungen einer „digital economy“ adressieren. Im Überblick:

(1) Kollektive Rechtsdurchsetzung: Injunctions-Directive neu

  • Die Aktivlegitimation bleibt auf Verbände beschränkt (sog „qualified entities“). Der Kreis der klagsbefugten Verbände wird jedoch erweitert. So sollen nach dem Entwurf auch ad hoc gegründete NPOs und SPVs aktivlegitimiert sein, sofern sie folgende Mindestanforderungen erfüllen: ordnungsgemäße Gründung, nicht gewinnorientierter Zweck, ausreichendes Interesse an der Durchsetzung der Einhaltung der jeweiligen Verbraucherschutzvorschriften. Diesfalls kommt ihnen ein Recht auf Anerkennung zu.
  • Der sachliche Anwendungsbereich der RL (Annex I) wird stark ausgeweitet und umfasst ua auch Datenschutz- und Versicherungsrecht, wo eine Verbandsklagsbefugnis nach § 28a KSchG bis dato fehlt.
  • Die Verbände können – neben Unterlassungsklagen zur Hintanhaltung künftiger Rechtsverstöße – auf Feststellung klagen, dass eine Rechtsverletzung stattgefunden hat.
  • Der Unterlassungsanspruch wird um einen Beseitigungsanspruch[3] ergänzt. Dieser soll gemeinsam mit einem Anspruch auf Unterlassung bzw Feststellung geltend gemacht werden können.
  • Darüber hinaus können Verbände direkt auf Leistung kompensatorischen Rechtsschutzes („redress orders“) klagen. Mittels Verbandsklage soll so ua Schadenersatz, Verbesserung, Austausch, Preisminderung, Wandlung oder Rückabwicklung geltend gemacht werden können. Weitergehende Ansprüche der VerbraucherInnen nach nationalem oder EU-Recht bleiben unberührt. Die Mitgliedstaaten haben die Option, eine Beauftragung durch individuelle VerbraucherInnen (opt-in) als Erfordernis zu etablieren, sofern dies (1) auf die Zeit nach Ergehen des Urteils beschränkt ist und (2) die Anzahl und Identität der betroffenen VerbraucherInnen bekannt ist. Für derartige Verbandsklagen kompensatorischen Charakters ist eine Offenlegung der Finanzierung des klagenden Verbands vorgesehen, um eine ausreichende finanzielle Ausstattung sicherzustellen.
  • Für Bagatellschäden ist eine „Abschöpfung“ normiert (opt-out). Der zugesprochene Betrag soll nicht an die KonsumentInnen verteilt, sondern an eine öffentliche Stelle für konsumentenpolitische Zwecke abgeführt werden.
  • In komplexen Fällen oder wenn die Berechnung der individuellen Schäden der VerbraucherInnen besonders schwierig ist, können Mitgliedstaaten dagegen eine „redress order“ ausschließen und die Verbandsklage auf ein Feststellungsbegehren bzgl der Haftung des Unternehmers dem Grunde nach beschränken. Dem Feststellungsurteil kommt Bindungswirkung für Individualverfahren zu.
  • Der Einbringung der Verbandsklage (Unterlassung, Beseitigung, Feststellung, Schadenersatz) kommt verjährungshemmende Wirkung für die individuellen Ansprüche betroffener KonsumentInnen zu.
  • Urteilen in Verbandsverfahren kommt Bindungswirkung für individuelle Ansprüche zu. Urteile aus anderen Mitgliedstaaten begründen diesbezüglich (nur, aber immerhin) eine widerlegliche Vermutung.
  • Flankierend vorgesehen sind im Eilverfahren zu erlassende Maßnahmen einstweiligen Rechtsschutzes, Vergleichsversuche samt gerichtlicher Kontrolle des Vergleichs, Beweisherausgabepflichten des Unternehmers (Nähe zum Beweis) sowie eine verpflichtende Urteilsveröffentlichung bzw angemessene Information betroffener Verbraucher auf Kosten des Unternehmers.
  • Mitgliedstaaten müssen ferner sicherstellen, dass Verbandsklagen nicht an Kostenhürden scheitern (zB durch Ausnahmen oder Beschränkung von Gerichtsgebühren, Verfahrenshilfe, ausreichende Finanzierung durch die öffentliche Hand). Der Kostenersatz bei Obsiegen wird ggf auf die Organisationskosten des Verbands erstreckt.
  • Die Durchsetzung und Einhaltung von Urteilen ist mit Geldstrafen sicherzustellen.
  • Der RL-Entwurf ist mindestharmonisierend, dh Mitgliedstaaten können weitergehende oder zusätzliche kollektive Rechtsschutzinstrumente auf nationaler Ebene vorsehen.
  • Sonderregelungen zu internationaler Zuständigkeit und anwendbarem Recht fehlen. Diesbezüglich gelten die allgemeinen Vorschriften von EuGVVO und Rom I / Rom II-VO.

(2) Individuelle Rechtsdurchsetzung: UCPD neu

  • Bei unlauteren Geschäftspraktiken sieht der Entwurf zur UCPD (Unfair Commercial Practices Directive) individuelle (deliktische und vertragliche) Schadenersatzansprüche sowie Rechte auf Vertragsauflösung vor[4].

(3) Verschärfung der Sanktionen

  • Die Sanktionen für Verstöße gegen CRD, UCPD und Klausel-RL werden verschärft, die allgemein gehaltene Standard-Formulierung zu „wirksamen, verhältnismäßigen und abschreckenden“ Sanktionen wird durch konkretere Vorgaben abgelöst.
  • Bei der Bemessung sollen ua die Schwere und Dauer des Verstoßes, etwaige vorherige Verstöße, Verschuldensgrad sowie die Anzahl der betroffenen VerbraucherInnen berücksichtigt werden.
  • Bei „widespread infringements“ bzw solchen, die eine EU-weite Dimension erreichen, droht ein Strafrahmen von mind 4 % des Jahresumsatzes.

(4) Online-Marketplaces

  • Die Transparenz von Online-Marketplaces soll erhöht werden. Vorgesehen sind ua Informationspflichten über die Ranking-Kriterien, die Verbraucher- oder Unternehmereigenschaft des Vertragspartners (B2C, C2C) und die Anwendbarkeit von EU-Verbraucherrecht. Die Plattform soll ferner verpflichtet sein, darüber aufzuklären, wer zu dessen Einhaltung verpflichtet ist.

(5) Rücktrittsrecht

  • Das Rücktrittsrecht im Fernabsatz und beim Außergeschäftsraum-Vertrag (Consumer Rights Directive, CRD) soll ausgeschlossen sein, wenn Verbraucher die Ware über eine bloße Prüfung hinaus benutzen. Dem Unternehmer wird diesbezüglich ein Leistungsverweigerungsrecht eingeräumt, bis er die Ware inspizieren konnte. Derzeit führt die übermäßige Benutzung der Ware innerhalb der 14-tägigen Rücktrittsfrist nicht zum Ausschluss des Rücktrittsrechts, sondern verpflichtet den Verbraucher ggf zur Leistung von Wertersatz.

Bewertung

Die Kommission hat in puncto Stärkung der Rechtsdurchsetzung einen beachtlichen Wurf vorgelegt, der die Konsequenzen aus dem VW-Skandal zieht und die bestehenden Probleme überraschend punktgenau adressiert. Die Reformvorschläge gehen damit deutlich weiter als erwartet. Sie scheinen geeignet, den Zugang zum Recht für VerbraucherInnen zu verbessern und in Massenschadensfällen eine effiziente Rechtsdurchsetzung zumindest deutlich zu erleichtern (arg Verjährungshemmung, erga-omnes-Wirkung, Ausweitung der representative action auf Leistung).

Damit ist zugleich ein starker Anreiz zur Rechtsbefolgung für UnternehmerInnen gesetzt. So haben die Analysen der EU-Kommission gezeigt, dass zwar der Verbraucherrechtsstandard in der EU vergleichsweise hoch ist, nach wie vor aber große Probleme bei der Rechtsbefolgung durch Unternehmen zu verzeichnen sind[5]. Damit kommt dem Vorschlag auch eine wichtige generalpräventive Funktion zu: Er beugt efficient breach of law vor und schützt zugleich den lauteren Mitbewerb.

Die Verschärfung der Sanktionen ist wenig überraschend: Der EU-Gesetzgeber hat bereits in früheren Rechtsakten erkennen lassen, was er unter „wirksamen, verhältnismäßigen und abschreckenden“ Sanktionen versteht; dass die bislang hierzulande bei Verstößen gegen Verbraucherrecht vorgesehenen Verwaltungsstrafen iHv bis zu € 1.450 (zB in § 19 FAGG) dieser Vorgabe nicht gerecht werden, war angesichts von EU-Strafdrohungen iHv € 20 Mio bzw 4 % des Jahresumsatzes im Finanzdienstleistungs- und Datenschutzbereich absehbar[6].

Positiv ist, dass dem rezenten Trend hin zur Stärkung von Public Enforcement eine Aufwertung auch des Private Enforcement zur Seite gestellt wurde. Damit wurde erkannt, dass Public und Private Enforcement sich nicht wechselseitig ausschließen, sondern unterschiedlichen Zwecken dienen und sich sinnvoll ergänzen.

Verbandsklage im Datenschutzrecht

Die Kommission folgt damit zugleich einem Ansatz, den der europäische Gesetzgeber im Datenschutzrecht bereits in der Datenschutz-Grundverordnung (GDPR, [EU] 2016/679) eingeschlagen hat. Auch dort sind neben Bußgeldern bis zu 20 Mio Euro oder 4 % des Jahresumsatzes massive Verbesserungen der individuellen und kollektiven Rechtsdurchsetzung vorgesehen. So sieht Art 79 DSGVO neben dem Recht auf Beschwerde (Art 77) einen „wirksamen gerichtlichen Rechtsbehelf“ des Betroffenen vor[7], Art 80 Abs 1 normiert eine (Repräsentations-)Verbandsklage von Datenschutz-NPOs über Auftrag des Betroffenen. Von der Option, eine echte „abstrakte“ Verbandsklage ohne Auftrag des Betroffenen einzuführen (Art 80 Abs 2) hat Österreich im Datenschutz-AnpassungsG 2018[8] keinen Gebrauch gemacht.

Dass hier dringender Handlungsbedarf besteht, weil nach geltender Rechtslage eine Rechtsdurchsetzung gegenüber den großen Unternehmen mit Sitz vor allem im EU-Ausland kaum möglich ist, hat zuletzt die Rechtssache Schrems vs Facebook gezeigt[9]. Der EuGH hat im Urteil klargestellt, dass zwar eine individuelle Rechtsverfolgung am Heimatgerichtsstand des Verbrauchers möglich ist, aber keine Sammelklage, die eine Vielzahl gleichgelagerter Ansprüche aus demselben Datenschutzverstoß gebündelt geltend macht. Auch hier würde der Reformvorschlag der Kommission Abhilfe schaffen.

Wie geht es weiter?

Beim heute präsentierten Paper handelt es sich um Richtlinien-Vorschläge der Kommission. Offen ist, wie Rat und Parlament sich zur Initiative positionieren werden. Aus Verbrauchersicht bleibt zu hoffen, dass die Reform möglichst rasch und unbeschadet umgesetzt wird – eine Aufgabe, auf die nicht zuletzt Österreich maßgeblich Einfluss nehmen könnte, fällt das Gesetzgebungsverfahren doch in den Zeitraum der österr Ratspräsidentschaft. Angesichts der hohen Verbraucherschutz- und Umweltstandards, die sich Österreich auf seine rot-weiß-rote Fahne heftet, und dem Ruf nach einer Rückverlagerung des Konsumentenschutzes auf die nationale Ebene dürfte es zumindest am mangelnden Bewusstsein um die Wichtigkeit des Dossiers nicht scheitern.

 

[1] Eine Kurzfassung zum Blog ist im Editorial der aktuellen VbR (Zeitschrift für Verbraucherrecht) veröffentlicht: Leupold, New Deal for Consumers, VbR 2018/23.

[2] Ausf zu den Fitness-Check-Findings zB Schmon in Reiffenstein/Blaschek (Hrsg), Konsumentenpolitisches Jahrbuch 2017, 27 ff.

[3] S zum Folgenbeseitigungsanspruch der Verbände im Bereich des Wettbewerbsrechts § 15 UWG. Zum Beseitigungsanspruch iZm §§ 28, 28a KSchG näher Rott, Der Folgenbeseitigungsanspruch der Verbraucherverbände, VbR 2016, 172. Jüngst de lege lata für D verneinend BGH I ZR 184/15 VbR 2018/24.

[4] Bis dato war höchstgerichtlich ungeklärt und in der Lehre strittig, ob individuelle Verbraucher ihre Schadenersatzansprüche direkt aus dem UWG ableiten können. S dazu zB Leupold, Schadenersatzansprüche der Marktgegenseite nach UWG, ÖBl 2010, 164 ff mwN zum Diskussionsstand.

[5] Seit 2005 ist die Anzahl der Rechtsverstöße und Beschwerdefälle im Wesentlichen gleich geblieben. S dazu näher Schmon, Die Zukunft der Rechtsdurchsetzung – Die europäische Perspektive.

[6] S zu den Defiziten des Public Enforcement zuletzt etwa Wessely, Public Enforcement im Verbraucherrecht – „wirksam, verhältnismäßig und abschreckend“? VbR 2018, 57 mwN.

[7] In diesem Punkt dürfte die österr Umsetzung im Datenschutz-AnpassungsG 2018 europarechtswidrig sein, da sie in §§ 28 f DSG eine gerichtliche Rechtsdurchsetzung nur für Schadenersatzansprüche des Betroffenen vorsieht, nicht aber auch für seine sonstigen Ansprüche (auf Beseitigung, Löschung, Bereicherung) und auch den Klägergerichtsstand auf Schadenersatzansprüche beschränkt. Ausf dazu Klauser in Leupold (Hrsg), Forum Verbraucherrecht 2017, 67 ff.

[8] Zur Stellungnahme des VKI siehe hier.

[9] EuGH C-498/16, Schrems/Facebook Ireland, VbR 2018/2.

Die Klagebefugnis des VKI aus wissenschaftlicher Sicht

Kodek

HR Univ.-Prof. Dr. Georg E. Kodek, LL.M. (OGH / WU Wien)[1]

Die bisherigen Vorträge haben einen anschaulichen Einblick in die Tätigkeit des VKI geboten. Im Folgenden soll versucht werden, die Klagebefugnisse des VKI aus wissenschaftlicher Sicht kurz zu beleuchten.

Systematische Einteilung

Die Klagebefugnis des VKI lässt sich aus systematischer Sicht in zwei Bereiche unterscheiden, die durchaus unterschiedliche Funktionen erfüllen. An erster Stelle steht die Klagebefugnis kraft eigenen Rechts. Diese ist (meistens) angesprochen, wenn von „Verbandsklage“ die Rede ist. Die wichtigsten Fälle sind die Klagen nach dem KSchG (vor allem in Form der Bekämpfung unzulässiger Allgemeiner Geschäftsbedingungen) und nach dem UWG (Bekämpfung aggressiver Praktiken).

Auf einer anderen Ebene liegt die Geltendmachung abgetretener Individualansprüche. In diesen Fällen räumt der Gesetzgeber dem VKI nicht von vornherein einen eigenen Anspruch im Allgemeininteresse ein, sondern der Inhaber eines Anspruchs entschließt sich, diesen Anspruch zum Zweck der Geltendmachung dem VKI abzutreten. Diese Möglichkeit bildet auch die Grundlage für die „Sammelklage österreichischer Prägung“. Dabei handelt es sich um die Kombination aus der Sammlung von Ansprüchen durch Abtretung und aus der Inanspruchnahme gewerblicher Prozessfinanzierung.

Funktion und Bewertung

a) Verbandsklage

Bei der Verbandsklage räumt der Gesetzgeber bestimmten Verbänden im Allgemeininteresse einen eigenen Anspruch ein. Hier geht es um die Wahrung öffentlicher, also überindividueller Interessen im Wege eines Zivilprozesses. Diese Lösung ist keineswegs zwingend: Nach der Unterlassungsklagen-Richtlinie könnte auch eine Behörde mit der Vollziehung betraut werden („Behördenlösung“). Der österreichische Gesetzgeber hat sich – wie der deutsche – für die Umsetzung in Form des Zivilprozesses entschieden. Dadurch fügt sich die Verbandsklage vordergründig in das System des Zivilprozesses als Zweiparteienprozess ein. Bemerkenswert ist allerdings, dass wir hier Klagebefugnissen begegnen, denen nicht alle Merkmale eines gewöhnlichen zivilrechtlichen „Anspruchs“ zukommen: Die Rechtsordnung nimmt keine materielle Güterzuweisung an den Verband vor; der Verband kann über den Anspruch auch nur eingeschränkt disponieren. So kann er seinen Anspruch nicht abtreten und auch nicht einen Vergleich mit der Wirkung schließen, dass ein bestimmtes Verhalten des Gegners dann zulässig wäre. Vielmehr steht der hier eingeräumte „Anspruch“ einer bloßen Klagebefugnis nahe und hat seine eigenständige materiell-rechtliche Bedeutung weitgehend verloren.

Die Zuweisung derartiger Verfahren zum Zivilprozess zieht eine Reihe von Folgeproblemen nach sich. Einerseits stellt sich das Problem des Schutzes des Beklagten vor mehrfacher Inanspruchnahme durch verschiedene Verbände. Dabei handelt es sich jedoch derzeit um ein rein theoretisches Problem, weil der VKI und die Arbeiterkammer in der Praxis die einzigen Verbände sind, die derartige Verfahren anstrengen.

Schwerer wiegt, dass die Zuweisung zum Zivilverfahren auch zur Folge hat, dass der Verband dem Kostenersatzregime der ZPO unterworfen ist. Bei der „Behördenlösung“ würde der Staat demgegenüber nur im Fall einer unvertretbaren Rechtsansicht nach dem AHG haften. Im Zivilprozess muss der Verband nicht nur (zunächst) die eigenen Kosten finanzieren und erhält diese nur im Fall seines Obsiegens ersetzt, sondern muss im Fall des Unterliegens auch die Kosten der Gegenseite ersetzen. Der Verband trägt also ein erhebliches Kostenrisiko. Will der Gesetzgeber, dass die Verbände durch die Erhebung von Verbandsklagen Fragen im Allgemeininteresse klären lassen, so muss er auch für eine entsprechende finanzielle Ausstattung der Verbände Sorge tragen.

Das Kostenrisiko ist im Erkenntnisverfahren (zwar schon hoch genug, aber) noch einigermaßen kalkulierbar. Im Verfahren zur Erlassung einstweiliger Verfügungen können hier noch höhere Kosten auflaufen, weil der Antragsteller, wenn sich der Antrag letztlich als unberechtigt erweist, dem Gegner den gesamten durch die einstweilige Verfügung entstandenen Schaden ersetzen muss. Dies kann durchaus prohibitiv wirken. Man denke etwa an das Verbot einer Werbekampagne, das dazu führt, dass später eine neue Werbekampagne produziert werden muss, oder ähnliche Fälle.

Gerade im Bereich der Bekämpfung von unzulässigen Klauseln in AGB könnte das Abmahnverfahren zur Gerichtsentlastung beitragen. Diese Möglichkeit hat die Rechtsprechung aber gewissermaßen selbst „verbaut“. Im Kern geht es darum, dass nach der Rechtsprechung ein abgemahnter Unternehmer nach dem „Alles oder Nichts“-Prinzip sich nur entweder zur Gänze unterwerfen oder bestreiten kann; eine Anerkennung nur eines vom Unternehmer selbst für berechtigt erachteten Teils der Abmahnung ist nicht möglich. Diese Rechtslage wurde durch eine Entscheidung eines verstärkten Senats vor einigen Jahren „einzementiert“. Praktisch hat das Abmahnverfahren damit stark an Bedeutung verloren. Für dessen „Wiederbelebung“ wäre eine gesetzliche Klarstellung erforderlich, dass auch bei der Abmahnung nach dem KSchG – wie dies im Übrigen auch der Auffassung zum UWG und zum deutschen Recht entspricht – auch Teilunterwerfungen zulässig sind.

b) Geltendmachung abgetretener Ansprüche

Die Befugnis zur Geltendmachung abgetretener Individualansprüche erfüllt eine wichtige Rechtsschutzergänzungsfunktion: Die starren Streitwertgrenzen für die Anrufung des OGH von derzeit EUR 5.000 führen ja dazu, dass der OGH in den meisten Streitigkeiten des täglichen Lebens nicht mehr angerufen werden kann. Herr und Frau „Normalverbraucher“ können daher den Streit um das Handy, den Fernseher, die Karten für die Salzburger Festspiele oder den Gebrauchtwagen in aller Regel nicht vor den OGH bringen. Damit sind wichtige Bereiche des täglichen Lebens von einer letztinstanzlichen Überprüfung von vornherein ausgeschlossen. Diese Rechtsschutzlücke mildert die Möglichkeit, dass klagebefugte Verbände ihnen abgetretene Ansprüche geltend machen, für die dann die Streitwertgrenzen nicht gelten. Der rechtspolitische Grund dafür liegt darin, dass die Übernahme der Geltendmachung durch einen klagebefugten Verband die Wahrscheinlichkeit, dass die Klärung der Rechtsfrage von allgemeinem Interesse ist und somit die Bedeutung des Verfahrens über den Einzelfall hinausreicht, stark erhöht.

Die Befugnis, abgetretene Ansprüche geltend zu machen, eröffnet auch die Möglichkeit, mehrere Ansprüche zu bündeln. Damit gleicht die Aktivität des VKI und der Arbeiterkammer in gewisser Weise das Defizit aus, das sich daraus ergibt, dass die österreichische Rechtsordnung bisher kein eigenes Instrument dafür zur Verfügung stellt.

Ausblick: Die Geltendmachung kollektiver Interessen als Herausforderung für das Verfahrensrecht

a) Problemstellung

Der traditionelle Zivilprozess ist auf eine Auseinandersetzung zwischen zwei Parteien ausgerichtet. Heute gibt es jedoch zahlreiche Fälle, die nicht einige wenige, sondern eine Vielzahl von Personen betreffen. Beispiele sind Schadenersatzklagen von Anlegern oder von durch ein Kartell geschädigten Marktteilnehmern. Es geht daher hier keineswegs nur um Ansprüche von Verbrauchern. Zur Bewältigung derartiger Massenverfahren reicht unsere aus dem 19. Jahrhundert stammende Prozessordnung nicht aus. Die parallele Abwicklung hunderter oder sogar tausender Einzelprozesse würde die Justiz, aber auch die Verfahrensbeteiligten, insbesondere den Beklagten, aber auch Zeugen, überfordern. Aus diesem Grund haben mittlerweile zahlreiche Länder Gruppenverfahren eingeführt. In Österreich forderte 2004 eine einstimmige (!) Entschließung des Nationalrats, diesbezügliche Möglichkeiten zu prüfen. In den letzten Jahren gab es dann mehrere Anläufe, die jedoch zu keinem Erfolg führten.

b) Keine „amerikanischen Verhältnisse“

Bekannt geworden sind Sammelklagen aus den USA. Dort gelten jedoch ganz andere prozessuale und materielle Rahmenbedingungen. So entscheiden auch in Zivilverfahren vielfach Geschworenengerichte (was die vielfach extrem hohen Schadenersatzzusprüche erklärt), Anwälte der Kläger arbeiten oft auf Basis einer Erfolgsbeteiligung (was zahlreiche „Glücksritter“ anlockt) und der Kläger muss, wenn sich seine Klage als unberechtigt erweist, keinen Kostenersatz leisten. All das ist kein Merkmal der Sammelklage, sondern gilt in den USA genauso in Einzelprozessen. Durch Sammelklagen (die dort auch Personen umfassen können, die ihren Anspruch gar nicht geltend machen wollen) werden die Nachteile dieses Systems freilich verstärkt.

In Österreich ist das alles anders: In Zivilsachen entscheiden qualifizierte Berufsrichter; die Höhe von Schadenersatzbeträgen ist stets sehr maßvoll; Anwälte dürfen nicht auf Basis eines prozentuellen Erfolgshonorars arbeiten und der Kläger muss, wenn er den Prozess verliert, dem Beklagten die Kosten des Verfahrens ersetzen. Dies führt dazu, dass – anders als in den USA – zur Erhebung reiner „Erpressungsklagen“ in Österreich kein Anreiz besteht.

c) Ausgestaltung des Verfahrens

Das Gruppenverfahren beruht auf dem Gedanken, Fragen, die eine Vielzahl von Personen betreffen, gewissermaßen „vor die Klammer zu ziehen“ und gemeinsam zu entscheiden. Dies ist rascher und billiger als die parallele Abführung einer Vielzahl von Einzelverfahren und daher auch im Interesse der Beklagten. Die Bündelung zahlreicher Kläger ermöglicht zudem die Inanspruchnahme gewerblicher Prozessfinanzierung. Anders als in den USA soll das Verfahren freilich – anderen europäischen Vorbildern folgend – nur diejenigen Personen umfassen, die sich freiwillig daran beteiligen. Es gibt also keine „Zwangsbeglückung.

d) Mehrspuriger Ansatz

Die vielfältigen Probleme, die Massenverfahren mit sich bringen, erfordern einen mehrspurigen Ansatz. Hierzu gehört ein Musterfeststellungsverfahren, das die fallübergreifende Klärung von Rechtsfragen ermöglicht, ebenso wie die Einführung eines Gruppenverfahrens zur Geltendmachung einer Vielzahl gleichgelagerter Ansprüche. Wieder eine andere Lösung erfordern die sogenannten Bagatell- oder Streuschäden, die in Summe zwar eine erhebliche Höhe erreichen können, bei denen aber die auf den jeweiligen Einzelnen entfallene Schädigung so gering ist, dass dieser keine Veranlassung hat, selbst tätig zu werden. Hier könnte ein Gewinnabschöpfungsanspruch Abhilfe bieten.

e) Schluss

Die fast schon reflexartige Abwehrhaltung, die das Thema „Gruppenverfahren“ bei manchen Beteiligten auslöst, ist schwer verständlich. Es geht nicht um die Einführung neuer Ansprüche, sondern lediglich darum, dass bestehende Ansprüche relativ rasch und kostengünstig geklärt werden. Ein schutzwürdiges Interesse daran, dass bestehende (!) Ansprüche nicht oder nur erschwert geltend gemacht werden können, ist aber natürlich nicht anzuerkennen.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags.

Die Zukunft der Rechtsdurchsetzung – die europäische Perspektive

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Dr. Christoph Schmon (Team Leader Consumer Rights at BEUC)[1]

Der VKI als wichtiger Impulsgeber der Rechtsdurchsetzung

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) kann auf eine lange und erfolgreiche Tradition der Verbraucherrechtedurchsetzung in Österreich zurückblicken. Auch aus europäischer Sicht gilt der VKI als einer der fortschrittlichsten Verbände, der BEUC und dem europäischen Netzwerk der Verbraucherschutzorganisationen regelmäßig wichtige Impulse im Bereich der koordinierten Rechtsdurchsetzung gibt.

Solche coordinated actions gewinnen auch deshalb an Bedeutung, weil sich Rechtsdurchsetzung von territorialen Grenzen gelöst hat und sich zusehends am Binnenmarkt ausrichtet. Als Beispiel für ein erfolgreiches Projekt der gemeinsamen Rechtsdurchsetzung kann das Consumer Justice Enforcement Forum (COJEF) dienen, ein zum Teil aus EU-Mitteln finanziertes Projekt im Rahmen dessen Verbraucherorganisationen Erfahrungen der guten fachlichen Praxis austauschen konnten und Durchsetzungsstrategien entwickelt wurden. Ein Resultat war die gemeinsame Rechtsdurchsetzung von 11 BEUC-Mitgliedern gegen das Technologieunternehmen Apple Inc. aufgrund irreführender Angaben und unlauterer Vermarktung einer Herstellergarantie, welche in den wesentlichen Punkten hinter dem gesetzlichen Gewährleistungsrecht zurückblieb.

Der Fitness Check des EU-Verbraucherrechts

Dass Verbraucherrechtedurchsetzung gesamteuropäisch angepackt werden muss, hat man auch in Brüssel erkannt, von wo aus gerade ein Reformprozess gestartet wird. Am 11. April wird die Europäische Kommission den sogenannten New Deal for Consumers vorstellen, ein Bündel von legislativen und nicht-legislativen Maßnahmen welche das Verbraucherrecht zukunftsfit machen sollen. Obwohl der Name dem Ausmaß der Reform nicht gerecht wird, ist immerhin mit einer Stärkung des kollektiven Rechtsschutzes zu rechnen: eine Forderung, die BEUC als europäischer Verbraucherschutzverband schon seit Jahrzehnten artikuliert.

Antriebsfeder einer Verbraucherrechtsreform ist der vor kurzem abgeschlossene Fitness Check des EU-Verbraucherrechts – eine Panoramaanalyse des geltenden Verbraucherrechtsacquis, welcher auf seine Effektivität und Tauglichkeit hin untersucht wurde.[2] Die Europäische Kommission hat in diese vielleicht umfangreichste Analyse des EU-Verbraucherrechts viel Zeit und Geld investiert. Resultate bisheriger Untersuchungen wurden einer Metaanalyse unterzogen, neue Studien in Auftrag gegeben, öffentliche Konsultationen gestartet, Verhaltensexperimente durchgeführt und Expertengruppen (unter Einbindung von BEUC und weiteren Mitgliedern) eingerichtet.

Die Kosten des Verbraucherrechts

Die Analyse zeigte, dass der EU-Verbraucherrechtsstandard an sich gut und durchaus ein Qualitätsmerkmal der Europäischen Union ist. Dabei zeigen die Daten, dass die Kosten für die Einhaltung des Verbraucherrechts (compliance costs) verhältnismäßig gering sind: Mit einem Aufwand, der lediglich 0,024 % des jährlichen Umsatzes der befragten Unternehmen entspricht, belegte das Verbraucherrecht unter 32 untersuchten Kostenpunkten den vorletzten Rang. Verbraucherrecht ist daher eine der am wenigsten kostenintensiven Stellen aus Unternehmersicht.

Das Problem der Rechtsbefolgung

Andererseits zeigte die Analyse große Probleme der Rechtsbefolgung durch Unternehmen: Seit 2005 ist die Anzahl der Rechtsverstöße im Wesentlichen gleich geblieben und konnten Beschwerdefälle trotz einiger Reformen nicht reduziert werden. Aus ökonomischen und prozessrechtlichen Gründen ist dem geschädigten Konsumenten oft der Zugang zum Recht versperrt: die erlittenen Schäden sind häufig gering und stehen besonders in grenzüberschreitenden Situationen in keinem Verhältnis zum Aufwand der Rechtsdurchsetzung.

Dazu passt ins Bild, dass die Bekanntheit des Verbraucherrechts zu wünschen übrig lässt. Nur 40 % der Konsumenten wussten über ihr Recht auf kostenlose Reparatur oder Austausch des Produktes im Gewährleistungsfall Bescheid. Nur 40 % der Händler wiederum hatten eine klare Vorstellung über das Rückgaberecht im Online-Handel. Möglicherweise kann der Modellversuch der Kommission mit dem klingenden Namen ConsumerLawReady Abhilfe schaffen. Unter diesem Programm, organisiert von BEUC und zwei europäischen Unternehmensverbänden, werden Schulungen für nationale KMUs angeboten werden[3].

Zugang zum Recht – der Fall Volkswagen

Besonders in Massenschadensfällen zeigt sich, dass Verbraucher einen schwierigen Zugang zum Recht haben: Der Volkswagen Skandal – mag er auch nun bereits als Beispiel überstrapaziert worden sein – zeigt das Problem der Rechtsdurchsetzung: Einem relativ klaren Verstoß gegen einheitliches Unionsrecht (Typengenehmigungsrecht und vollharmonisiertes Verbraucherrecht), von welchem EU-Verbraucher gleichermaßen betroffen sind, steht ein Flickenteppich der Verbraucherrechtedurchsetzung gegenüber: Während in manchen Mitgliedstaaten Verbraucher kollektiv geschützt werden und auf Entschädigungen hoffen dürfen, gibt es in anderen Mitgliedstaaten Behördenuntätigkeit und weder effektive Individual- noch Kollektivrechte für Verbraucher. Dieses Problem ist freilich auch darin begründet, dass die einschlägigen EU-Rechtsgrundlagen keine konkreten Rechtsmittel oder Sanktionen vorsehen. EU-Recht als lex imperfecta – ein Recht ohne Sanktion?

Die Zukunft der Rechtsdurchsetzung: der New Deal für Verbraucher

Der vor kurzem veröffentlichte Bericht über den kollektiven Rechtsschutz in Europa zeigte wenig überraschend, dass in den meisten Mitgliedstaaten entweder keine oder keine wirkungsvollen Instrumente des kollektiven Rechtsschutzes zur Verfügung stehen. In nur fünf Staaten sind Verbraucher im Fall von Massenschäden effektiv geschützt. Die Europäische Kommission und die zuständige Justizkommissarin Vera Jourova sind daher entschlossen, die kollektive Rechtsdurchsetzung von Verbrauchern zu stärken.

Zu einer echten europäischen Sammelklage wird es zwar nicht kommen, aber immerhin sieht der New Deal for Consumers eine Reform des Unterlassungsverfahrens vor. Mitgliedstaaten werden sicherstellen müssen, dass eine Verbraucherorganisation wie der VKI zum einen Unterlassung des rechtswidrigen Verhaltens begehren kann und zum anderen verlangen kann, dass betroffene Verbraucher kollektiv entschädigt werden müssen. Wie dies im Detail umgesetzt werden soll wird noch verhandelt und das Ergebnis wird ein politischer Kompromiss sein.

Zudem sollen Sanktionsmöglichkeiten gestärkt werden. Die schablonenartige Formulierung wie sie üblicherweise in EU-Richtlinien zu finden ist, wonach Mitgliedstaaten Sanktionen für Verstöße festlegen sollen, die „wirksam, verhältnismäßig und abschreckend“ sind, wird aufgrund mangelnder Umsetzungsdisziplin und zugunsten einer konkreten Benennung von Anforderungen an Strafhöhen aufgegeben. Schließlich werden im Fall des unlauteren Wettbewerbs vertragliche und außervertragliche Individualrechte für Verbraucher eingeführt werden. Es darf erwartet werden, dass Verbraucher ein Recht auf Schadenersatz und Vertragsauflösung zugestanden wird. Zu all diesen Maßnahmen werden sich weitere Gesetzesänderungen gesellen; dies auch um die Kosten für Unternehmer zu senken.

Die Rolle der Österreichischen Ratspräsidentschaft

Die Entfaltung des Binnenmarktes und ein hoher Standard der Rechtsdurchsetzung stehen nicht notwendigerweise im Konkurrenzverhältnis oder Zielkonflikt. Ein trade off ist genauso wenig angezeigt wie ein schlechter Kompromiss. Es darf erinnert werden, dass effektive Rechtsdurchsetzung Gesetzestreue belohnt, Innovation anregt und Verbraucher ermuntert, am Binnenmarkt teilzunehmen.

Für Österreich ist die anstehende Reform des Verbraucherrechts jedenfalls eine Chance Führungsqualität zu zeigen, denn die Reformarbeit wird in die Hände der österreichischen Ratspräsidentschaft fallen. Die Rolle der Ratspräsidentschaft ist eine verantwortungsvolle und auch einflussreiche; dies besonders jetzt, nachdem das Ende der Legislaturperiode im Europäischen Parlament ansteht und daher eine besondere Dringlichkeit geboten ist, mit den relevanten Dossiers voranzuschreiten. Es bleibt zu hoffen, dass die Reform im Sinne der Verbraucher gelingt.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags. Zum anlässlich des Symposiums gemeinsam mit Dr. Lell (vzbv) gegebenen Interviews siehe hier.

[2] Für Details siehe Schmon, Fitness Check of EU Consumer Law: An Interim Judgment, in Reiffenstein/Blaschek (Hrsg), Konsumentenpolitisches Jahrbuch 2017.

[3] Die für Österreich zuständige Trainerin ist Maga. Ulrike Docekal vom Verein für Konsumenteninformation.

Statement AK: 25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung

Zgubic

Mag. Gabriele Zgubic (Bundesarbeitskammer)[1]

Als Gründungsmitglied ist die AK seit nunmehr 57 Jahren Mitglied des VKI. Umso mehr freut es mich, mit dem VKI 25 Jahre Klagstätigkeit feiern zu können. Stand im VKI ursprünglich die Produktberatung im Vordergrund, hat sich mit der Zeit der Tätigkeitsbereich verbreitert und mittlerweile ist der Klagsbereich einer der wesentlichen Pfeiler des VKI. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Unternehmen den AK-Konsumentenschutz vor allem deswegen ernst nehmen, weil wir jederzeit mit Klagen gegen sie vorgehen können. Das ist beim VKI wohl nicht anders. Speziell große Unternehmen oder Konzerne können oft nur so überzeugt werden, sich rechtskonform zu verhalten.

Die Verbandsklage als effektives Instrument mit Schwächen

Die Möglichkeit, Verbandsklagen zu führen ist daher essentiell, dennoch zeigen sich einige Schwächen in der Prozessordnung. So entfalten Verbandsklagen nicht automatisch Wirkung auf einzelne Betroffene, da sie nur darauf gerichtet sind, dass eine als rechtswidrig befundene Klausel nicht mehr verwendet wird und sich das Unternehmen nicht mehr darauf berufen kann. So musste etwa in einem AK-Verfahren gegen eine Bank wegen zu viel verrechneter Zinsen, Verzugszinsen und Mahnspesen ein gesondertes Prozedere mit dieser Bank für die Kompensation der betroffenen Konsumentinnen und Konsumenten vereinbart werden und oft müssen die Betroffenen selber aktiv werden. Letztlich bedeutet dies, dass viele Ansprüche einfach liegen bleiben, die sich das Unternehmen behalten kann. Das ist nicht befriedigend. Daher braucht es eine Regelung, dass mit einem Urteil auch über die einzelnen Ansprüche mitentschieden wird und Unternehmen verpflichtet sind, Betroffenen die Entschädigung von sich aus zu bezahlen.

Ein weiteres Problem ist die Wirkung eines Urteils auf gleichlautende Klauseln anderer Unternehmen. Die AK hat in einem Verfahren gegen ein Telekommunikationsunternehmen eine Klausel angefochten, der zufolge eine Kündigungsfrist von 3 Monaten für Altverträge nicht zulässig ist. Gleichlautende Klauseln hatten auch andere Unternehmen dieser Branche. Nichtsdestotrotz wurde Konsumentinnen und Konsumenten, die kündigen wollten und auf dieses Urteil verwiesen, die kürzere Kündigungsfrist verweigert mit dem Hinweis, dieses Urteil gelte für sie nicht. Nur unter Androhung weiterer Klagen lenkten diese Unternehmen ein und akzeptierten schließlich die kürzere Kündigungsfrist. Auch hier wären Regelungen nötig, um dieses Schlupfloch zu schließen.

Gleichzeitig bringen die Verbandsklagen auch Rechtssicherheit und dienen auch der Rechts­fortbildung. So hat etwa das Zahlungsdienstegesetz, das im Jahr 2009 in Kraft getreten ist, viele offene Rechtsfragen aufgeworfen, die in mehreren Verbandsklagsverfahren geklärt werden konnten. Eine gesicherte Rechtslage ist auch ein Vorteil für Unternehmen.

Fehlende Verbandsklagsbefugnis bei Datenschutzverstößen

Die Datenschutz-Grundverordnung bietet die Möglichkeit, auf nationaler Ebene Verbänden eine Verbandsklagsbefugnis gegen Datenschutzverstöße zu geben. Leider hat die Regierung von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. Ich sehe keine nachvollziehbaren Gründe außer im Schutz von Unternehmen vor Klagen, wenn sie gegen Datenschutzgesetze verstoßen.

Kein Abtretungsverbot in Allgemeinen Geschäftsbedingungen

In Bezug auf Musterklagen ist uns in den letzten Jahren aufgefallen, dass Unternehmen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen immer öfter Abtretungsverbote festlegen. Somit kann ein Anspruch einer Konsumentin oder eines Konsumenten auch nicht etwa an verbandsklagsbefugte Organisationen wie AK oder VKI zur Klagsführung von Musterprozessen abgetreten werden. Daher sollte im Konsumentenschutzgesetz festgelegt werden, dass eine Abtretung zumindest an verbandsklagsbefugte Verbände nicht vertraglich ausgeschlossen werden darf.

Unrecht darf sich nicht lohnen – Gewinnabschöpfung im UWG nötig

Als effizientes Mittel gegen Wettbewerbsverstöße soll die Möglichkeit der Gewinnabschöpfung eingeführt werden. Dabei sollen diese Einnahmen zumindest zum Teil Konsumentenschutz­einrichtungen zugutekommen. Unrecht soll sich nicht lohnen dürfen, auch nicht zum Nachteil jener Unternehmen, die sich an Gesetze halten.

Gruppenklagen: Lange diskutiert – nichts passiert

Vorstöße für eine gesetzliche Regelung von prozessrechtlichen Instrumentarien gibt es seit über 10 Jahren. Ein schon weit gediehener Vorschlag des Justizministeriums unter Einbeziehung von Stakeholdern wurde damals schubladisiert. Obwohl in zwei Regierungsübereinkommen vereinbart, wurde wegen des Widerstandes der Wirtschaft dieses Vorhaben nicht umgesetzt. Der letzte Vorstoß war ein SPÖ-Initiativantrag im Herbst 2017, der allerdings keine Mehrheit fand. Auch auf europäischer Ebene konnte sich die Europäische Kommission nur zu einer unverbindlichen Empfehlung im Jahr 2013 durchringen, die kürzlich evaluiert wurde. Wenig erstaunlich zeigt sich, dass es EU-weit viele Lücken bei der kollektiven Rechtsdurchsetzung gibt. Ob die Europäische Kommission allerdings einen Richtlinienvorschlag zur Einführung eines kollektiven Rechtsinstruments vorlegen wird, ist zu bezweifeln. Zu groß ist der Widerstand der Unternehmen, die amerikanische Verhältnisse befürchten. Die jahrelange Erfahrung mit der „Sammelklage österreichischer Prägung“ hat aber gezeigt, dass keineswegs amerikanische Zustände in Österreich Einzug gehalten haben.

Die Erfahrungen mit der „Sammelklage österreichischer Prägung“ haben aber auch gezeigt, dass es sich um eine sehr aufwändige Konstruktion mit einigen Defiziten handelt. So sind für die Organisation der Sammelklage hohe Ressourcen, sowohl zeitlich als auch finanziell erforderlich. Jeder einzelne Geschädigte muss den Anspruch an die AK oder den VKI abtreten. Dies ist organisatorisch aufwendig und das Prozesskostenrisiko muss die prozessführende Organisation tragen. Daher sind diese Verfahren oft nur mit einem Prozesskostenfinanzierer möglich. All dies führt dazu, dass die Rechtsdurchsetzung bei Massenschäden nur vereinzelt erfolgt und es daher zusätzlich weiterer Instrumente bedarf wie insbesondere die Schaffung der Musterklage sowie der Gruppenklage.

Zur Frage des Modells opt-in vs opt-out ist dem letzteren der Vorzug zu geben.

Die Musterklage hat gegenüber der Gruppenklage den Vorteil, dass nur ein Fall von vielen gleichartigen Fällen eingeklagt werden müsste, mit dem exemplarisch die strittigen Rechtsfragen geklärt werden, die allen Fällen gemeinsam sind. Dies würde bei gleichzeitiger Hemmung der Verjährung für alle anderen Betroffenen ein äußerst prozessökonomisches Vorgehen ermöglichen und das den Sammelklagen immanente hohe Prozesskostenrisiko beschränken. Eine vergleichbare gesetzliche Regelung gibt es zB in Deutschland für Anlegerschäden im Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG). Eine Ausdehnung auf andere Sachverhalte plant die deutsche Regierung noch in diesem Jahr im Hinblick auf die Verjährung der Ansprüche geschädigter VW-Kunden.

Eine große Hemmschwelle stellen Gerichts- und Rechtsanwaltskosten dar – nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Institutionen, die eine Sammelklage organisieren. So liegt der Streitwert bei der aktuellen Alpine-Sammelaktion der AK bei rd 27 Mio Euro. Damit sind astronomisch hohe Kosten verbunden, die selbst eine so große Institution wie die AK nur mit einem Prozesskostenfinanzierer tragen kann. Es braucht daher eine deutliche Reduzierung von Kosten etwa mit einer Deckelung der Höhe des für die Berechnung der Kosten zugrunde zu legenden Streitwerts.

Die AK führt derzeit 66 Gerichtsverfahren – Verbands- und Musterklagen sowie UWG-Verfahren. Im Jahr 2017 hat die AK außergerichtlich und gerichtlich rd 11,1 Mio Euro erstritten, wobei der Erfolg aus der von der AK Tirol beauftragten Klage des VKI in Bezug auf die Negativzinsen Kreditnehmern ca 350 bis 400 Mio Euro bringt.

Wir tun viel und reden nicht nur – auch wenn manche das gerne hätten. Gemeinsam mit dem VKI sind wir ein durchsetzungsstarkes Bollwerk im Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten und das soll auch in Zukunft so bleiben.

[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien im Rahmen einer Podiumsdiskussion abgegebenen Statements.

Sammelklagen und kollektive Rechtsdurchsetzung

Klauser

RA Dr. Alexander Klauser (bkp Rechtsanwälte)[1]

Ausgangssituation

Der Zivilprozess ist, wie jeder Rechtsstreit und jedes Gerichtsverfahren, ein „sozialer Störfall“. Normalerweise streitet kein Mensch gerne, weder Verbraucher noch Unternehmer. Kein Mensch geht gerne zum Anwalt oder gar zu Gericht – wenn es sich denn vermeiden lässt. Damit angesichts dieser Ausgangssituation jedoch nicht das Gesetz des Dschungels herrscht, der Stärkere den Schwächeren, der Staat den Einzelnen unterdrückt, braucht es im Hintergrund ein wirksames Sanktionensystem: ein gerechtes materielles Recht und im Bedarfsfall ein leistbares, effizientes und ausgewogenes System zu dessen Durchsetzung.

Zum Glück hat Österreich all dies in hohem Maße – bis auf einen Bereich. Wenn Rechtsverletzungen im großen Stil, also massenhaft auftreten, dann wird das Fehlen eines echten kollektiven Rechtsschutzinstruments empfindlich und schmerzlich spürbar. Österreich ist vieler Hinsicht ein moderner demokratischer Rechtsstaat – was jedoch Massenschäden anlangt, die insbesondere (wenn auch nicht nur) im Bereich des Verbraucherrechts auftreten, ist Österreich hingegen leider ein Entwicklungsland.

Ein Zusammenwirken mehrerer Umstände erschwert in Österreich beim massenhaften Auftreten gleicher oder ähnlicher Ansprüche deren Durchsetzung. Erstens: die Kosten der Rechtsdurchsetzung sind in Österreich überdurchschnittlich hoch. So hat Österreich europaweit, wenn nicht sogar weltweit, die höchsten Gerichtsgebühren. Zweitens: in Fällen massenhaften Rechtsbruchs ist für Kläger der entscheidende Beweis oft besonders schwierig, vor allem aber aufwändig, zu führen. So müssten zB hunderte Zeugen einvernommen werden, um ein systematisches Vorgehen des Anspruchsgegners zu beweisen. Dass dies beim Versuch, die Ansprüche in Einzelverfahren durchzusetzen, Kapazitäts- und Kostenbarrieren, somit zusätzliche Hürden beim Zugang zum Recht, aufwirft, liegt auf der Hand. Drittens: zu all dem kommt ein Spezifikum des materiellen Rechts – die häufig drohende Gefahr der Verjährung. Kurze Verjährungsfristen, deren Beginn und manchmal auch Laufzeit mitunter schwierig zu definieren sind, führen vor dem Hintergrund der genannten faktischen und finanziellen Barrieren dazu, dass gerade im unteren Streitwertbereich – also typischer Weise im Bereich der Verbraucherstreitigkeiten – Ansprüche schlicht und einfach nicht geltend gemacht werden, und seien sie auch noch so berechtigt.

Mit genau dieser Analyse kalkulieren – verständlicher- weil rationaler Weise – Anspruchsgegner (in Verbraucherstreitigkeiten sind dies die potenziell haftpflichtigen Unternehmen) und weigern sich daher in der Regel, einen Verjährungsverzicht zu erklären, um etwa im Rahmen eines Musterprozesses die für alle gleichgelagerten Fälle maßgeblichen Fragen zu lösen. Viele Unternehmen lassen es lieber darauf ankommen, ob sie überhaupt geklagt werden.

Freilich hat diese Taktik auch für die Unternehmerseite Nachteile. Unternehmen nehmen dabei in Kauf, dass sie oft über mehrere Jahre hinweg nicht wissen, ob und wenn ja wie viele Ansprüche in welcher Höhe noch gegen sie geltend gemacht werden könnten. Dies erschwert eine verlässliche Bilanzierung. Vor allem aber nehmen die Gegner eines effizienten kollektiven Rechtsschutzes damit in Kauf, dass sich auch Unternehmen, die trotz eindeutig zu Recht bestehender Ansprüche auf eine derartige Hinhaltetaktik setzen – also die sprichwörtlichen „schwarzen Schafe“ – einen unrechtmäßigen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren gesetzestreuen Mitbewerbern verschaffen.

Sammelklage österreichischer Prägung

Vor rund 20 Jahren hat sich der VKI erstmalig der Aufgabe gestellt, dieses eklatante Rechtsschutzdefizit zu mildern. Anlassfall war eine Brechdurchfall-Epidemie in einem all-inclusive-Hotel in der Türkei im Jahr 1999. Binnen weniger Tage erkrankten dort rund 700 Touristen an denselben Symptomen. Der österreichische Reiseveranstalter wies jede Verantwortung des Hotels von sich und spekulierte mit einer Infektion unter den Reisenden. Tatsächlich lag jedoch der Verdacht nahe, dass die plötzlichen und massenhaften Erkrankungen eine zentrale Ursache in der Wasserversorgung oder Speisenzubereitung haben müssten. Die Ansprüche der VerbraucherInnen auf Gewährleistung und Schadenersatz in Einzelprozessen durchzusetzen, wäre für die allermeisten schlicht und einfach nicht möglich gewesen. Damit rechnete der Reiseveranstalter und bot seinen Kunden daher lediglich symbolischen Ersatz in Form eines geringwertigen Gutscheins an.

In dieser Situation entwickelte der VKI zusammen mit dem Prozessfinanzierer FORIS und dem Autor ein Instrument, das in der Folge unter dem Begriff „Sammelklage österreichischer Prägung“ oder „Sammelklage nach österreichischem Recht“ Eingang in die heimische Rechtspraxis fand. Das Konzept basiert auf einer kombinierten Anwendung der ZPO-Bestimmungen über den Musterprozess nach Abtretung an einen klagsbefugten Verband zur gerichtlichen Geltendmachung (damit verbunden: streitwertunabhängiger Zugang zum OGH gem § 502 Abs 5 Z 3 ZPO) und der im Gesetz ausdrücklich vorgesehenen Möglichkeit, immer dann, wenn ein Kläger gegen denselben Beklagten mehrere Ansprüche geltend macht, diese in einer einzigen Klage zu bündeln (sogenannte objektive Klagenhäufung gem § 227 ZPO). Der VKI ließ sich somit nicht bloß einen einzelnen Anspruch abtreten, sondern vielmehr die Ansprüche sämtlicher betroffener Verbraucher, die sich an ihn wandten (konkret waren es im genannten Reiserechtsfall 104 KonsumentInnen), und machte all diese Ansprüche in einer einzigen Klage, der ersten österreichischen „Sammelklage“, gegen den Reiseveranstalter geltend.

Dies hatte die folgenden positiven Effekte: Die Verjährung war für alle eingeklagten Ansprüche rechtzeitig unterbrochen. Die Bündelung führte darüber hinaus zu einem so hohen Streitwert und zu einer – im Vergleich mit einer Geltendmachung in Einzelverfahren – so großen Reduktion der Kosten (Gerichts- und Anwaltsgebühren), dass es dem VKI gelang, einen Prozessfinanzierer (konkret: die FORIS AG) zur Übernahme des Kostenrisikos zu gewinnen. Zudem war die Beweisführung dermaßen erleichtert, dass ein Prozesserfolg in hohem Maße wahrscheinlich erschien. Ergebnis: Noch vor Aufnahme des Beweisverfahrens bot der beklagte Reiseveranstalter dem VKI einen Vergleich an, der den Verbrauchern im Ergebnis, also nach Abzug der Quote des Prozessfinanzierers, 70 % ihrer Ansprüche einbrachte. Noch schöner: Im Jahr darauf sanierte das Hotel die schadhafte Wasserversorgung, die wie vermutet die Ursache der massenhaften Erkrankungen gewesen war.

Allerdings weist die Sammelklage österreichischer Prägung auch empfindliche Defizite auf. So regelt sie von vornherein nur die Ansprüche jener Betroffenen, die sich durch Abtretung an den Sammelkläger aktiv am Verfahren beteiligen (reines „opt in“), während alle anderen potenziellen Ansprüche, auch wenn sie völlig gleichgelagert sind, formell ungeklärt bleiben und auch weiterhin der Gefahr der Verjährung ausgesetzt sind. Die nach wie vor umstrittenen Fragen der Zulässigkeit der Anspruchsbündelung zu Sammelklagen (Stichwort: Sind die Ansprüche gleichartig genug?) und Prozessfinanzierung (Stichwort: quota litis-Verbot) führen bei den meisten Sammelklagsverfahren in der Anfangsphase zu jahrelangen und kostenintensiven Zwischenstreitigkeiten, sodass sich anfängliche Kostenvorteile sogar in eklatante Kostennachteile verkehren können. Vor allem aber führt die zur Bündelung nötige Abtretung der geltend zu machenden Ansprüche an einen Sammelkläger (meist – aber nicht zwingend – eine Verbraucherorganisation) dazu, dass bei ausländischen Beklagten der heimische Klägergerichtsstand für Verbraucher (Art 17 ff Brüssel Ia-VO) verloren geht.

Beispiele für weitere erfolgreiche Sammelklagen

Diese Defizite zeigten sich bei nahezu jeder weiteren Sammelklage, die der VKI, teilweise auch die Bundesarbeitskammer (BAK), seither führten. Zu nennen sind etwa folgende: ein weiterer Reiserechtsfall (im Übrigen die bisher einzige ausjudizierte Sammelklage; praktisch alle anderen konnten für die Konsumenten letztlich vorteilhaft verglichen werden), ein lebensmittelrechtlicher Fall (Listerien-Skandal), der sogenannte Zinsenstreit gegen zahlreiche österreichische Banken wegen unkorrekter Anpassung variabler Kreditzinsen in Verbraucherkreditverträgen (in einem dieser Prozesse erging die Leitentscheidung des OGH zur objektiven Klagenhäufung 4 Ob 116/05w; Kläger: BAK) und zahlreiche Anlegerschadenersatzfälle, etwa die VKI-Sammelklage aus Anlass des WEB-Skandals, die Sammelklagen des VKI gegen den Finanzdienstleister AWD wegen der Fehlberatung bei Immobilienaktien (dort erging die Leitentscheidung zur Prozessfinanzierung 6 Ob 224/12b) oder die VKI-Sammelklagen gegen Banken im Zusammenhang mit geschlossenen Fonds (Schiffs- und Immobilienfonds).

Als Zwischenergebnis lässt sich festhalten: die Sammelklage österreichischer Prägung leistet seit rund 20 Jahren einen unverzichtbaren Beitrag zur Durchsetzung berechtigter massenhaft auftretender Ansprüche, insbesondere von Verbrauchern. Sie ist und bleibt dennoch eine Behelfslösung, die aufgrund ihrer zahlreichen Defizite dringend durch ein modernes kollektives Rechtsschutzinstrument verbessert und ergänzt werden sollte.

Aktuelle Anlassfälle und Ausblick

Anlässe, in Österreich ein solches Instrument zu schaffen, gibt es genug und wird es auch in Zukunft immer wieder geben. Aktuelle Beispiele sind etwa die Ansprüche zigtausender Versicherungsnehmer gegen Versicherungsunternehmen aufgrund des Rücktritts von Lebensversicherungsverträgen, bei denen die Belehrung über das dem Versicherungsnehmer zustehende Rücktrittsrecht nicht den gesetzlichen Erfordernissen entsprach, die Ansprüche von Fremdwährungskreditnehmern gegen Banken aus den Titeln Beraterhaftung, Rücktrittsdurchgriff oder Klauselunwirksamkeit, und zuletzt die Ansprüche der von den VW-Abgasmanipulationen betroffenen Kfz-Besitzer gegenüber dem Hersteller auf Abgeltung der ihnen entstandenen oder noch drohenden Schäden. Topaktuell sind auch die Ansprüche von VerbraucherInnen aufgrund rechtswidriger Verwendung ihrer persönlichen Daten durch Internet-Unternehmen. Es bleibt daher zu hoffen, dass der Gesetzgeber die längst erkannte Notwendigkeit, den derart Betroffenen einen fairen Zugang zum Recht zu verschaffen, zum Anlass nimmt, auch im Bereich des kollektiven Rechtsschutzes nicht nur Lippenbekenntnisse abzulegen, sondern endlich auch Taten zu setzen.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags.

Ausfallhaftungen und AGB-Verbandsklagen – ein Erfolgsmodell

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RA Dr. Stefan Langer (Kosesnik-Wehrle & Langer Rechtsanwälte KG)[1]

In den 25 Jahren, auf die der VKI beim Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ zurückgeblickt hat, hat sich viel getan. Auch das rechtliche Umfeld des Jahres 1992 ist von jenem des Jahres 2017 grundverschieden: Österreich war 1992 noch nicht Mitglied der Europäischen Union. Damals gab es noch keine EU-Richtlinie über missbräuchliche Klauseln, es gab noch kein ausdrücklich gesetzlich festgelegtes Transparenzgebot für Verbraucherverträge, kein gesetzlich geregeltes Abmahnverfahren, die Verbraucherrechterichtlinie war noch weit entfernt. Wohl hatte der österreichische Gesetzgeber schon im Jahr 1979 einige grundsätzliche Gedanken im ABGB und KSchG verankert, die für die Kontrolle der Zulässigkeit von Klauseln in Allgemeinen Geschäftsbedingungen nach wie vor Geltung haben. Seitdem ist gerade durch die europäische Rechtsentwicklung eine starke Regulierung durch diverse Materiengesetze zu beobachten (nicht nur Novellen zum KSchG, sondern zB durch das ZaDiG, VKrG, FAGG).

Ein Bereich, in dem der VKI seit langer Zeit erfolgreich aktiv ist, sind die Musterprozesse oder sogenannten Ausfallhaftungen: Viele Rechtsprobleme sind zwar hochinteressant und betreffen eine Vielzahl von Personen, allerdings führt die Relation zwischen dem Geldbetrag, um den es für den einzelnen Verbraucher geht, zu den Prozesskosten und ebenso der Zeitaufwand, der in die Führung eines Gerichtsverfahrens zu stecken ist, dazu, dass diese Fragen nicht ausjudiziert werden, weil Verbraucher den Weg zu Gericht scheuen. Dazu kommt, dass normalerweise, also ohne Abtretung von Ansprüchen an einen Verbraucherverband nach § 29 KSchG, der Rechtszug an den OGH für Streitwerte unter Euro 5.000 von einigen Ausnahmen abgesehen jedenfalls ausgeschlossen ist. Aufgrund des Entfalls dieser Rechtsmittelbeschränkungen in Verfahren mit Abtretung von Ansprüchen an den VKI wurden viele Fragen in Einzelprozessen geklärt, die sonst aufgrund dieses Unterschreitens von Streitwertgrenzen nicht zum OGH gekommen wären. Ein Extrembeispiel aus der Tätigkeit des VKI war ein Verfahren gegen eine Bank wegen einer missbräuchlichen Bankomatabhebung, in dem es um ATS 10.000, nunmehr Euro 726 ging, das bis zum Urteil des OGH 10 Jahre anhängig war und allein auf Seiten des VKI Verfahrenskosten von rund Euro 20.000 (davon rund Euro 14.000 für diverse Sachverständigengebühren) verschlang, also rund das Dreißigfache des Streitwertes! Kein Verbraucher hätte sich dieses Verfahren geleistet, keine Rechtsschutzversicherung hätte das Verfahren gedeckt.

In 25 Jahren haben die Verbandsklagen des VKI gegen unzulässige Geschäftsbedingungen sehr viel zur Entwicklung des AGB-Rechtes durch die Überprüfung von Geschäftsbedingungen in den verschiedensten Branchen beigetragen, bei großen Unternehmen wie Banken und Versicherungen ebenso wie bei diversen kleineren Unternehmen. Es waren vor 25 Jahren bisweilen noch brancheneinheitlich verwendete Allgemeine Geschäftsbedingungen in Gebrauch, die Klauseln enthalten haben, deren Verwendung große Unternehmen heute nicht einmal mehr andenken würden, weil ihre Unzulässigkeit augenscheinlich ist. Der Standpunkt bestimmt bisweilen die Perspektive, aber ich denke, die Tätigkeit des VKI hat auch in diesem Bereich schlicht zu einer Anhebung der Rechtskultur geführt.

Die Bedeutung der AGB-Kontrolle für den Rechtsverkehr ist nicht zu unterschätzen: Wer AGB in seinen Verträgen verwendet, erlangt dadurch erhebliche Macht, was die inhaltliche Gestaltung des Vertrages betrifft. Oft haben solche Geschäftsbedingungen viele Seiten und versuchen jedes noch so unwesentliche Detail des Vertrages zu regeln. Allgemeine Geschäftsbedingungen sind umfangreich, kompliziert und für normal denkende Menschen sehr langweilig! Es wäre auch unrealistisch anzunehmen, dass Verbraucher vom Zeitaufwand und in rechtlicher Hinsicht in der Lage wären, die ihnen vorgelegten AGB zu überprüfen. Jeder kennt diese Situation aus seinem eigenen Leben: Wer online Produkte oder Dienstleistungen bestellt und das Kästchen anhaken soll, die AGB gelesen zu haben und diesen zuzustimmen, wird kaum einmal Lust haben, seitenlange Vertragswerke für ein Alltagsgeschäft durchzusehen. Diese Macht des AGB-Verwenders bedarf genauer juristischer Kontrolle durch die Gerichte. Der Rechtsverkehr kann insgesamt nur funktionieren, wenn sich alle Teile darauf verlassen können, dass AGB oder Vertragsformblätter nicht dazu missbraucht werden, unfaire Inhalte in die Verträge einfließen zu lassen oder jedenfalls im Streitfall solche Klauseln eliminiert werden und unangewendet bleiben. Zeit ist Geld und soll nicht dazu verwendet werden müssen, bei jedem der vielen Vertragsschlüsse, die wir alle in unserer Eigenschaft als Verbraucher – und Verbraucher sind wir alle – tätigen, laufend die AGB unserer Vertragspartner durchsehen und prüfen oder in den meisten Fällen prüfen lassen zu müssen. Daran, dass rechtswidrige Klauseln auf dem Markt keine Chance haben sollen, haben nicht nur Verbraucher Interesse, sondern auch jene Unternehmer, die eben keine rechtswidrigen Klauseln verwenden. Die Eliminierung unzulässiger Vertragsklauseln in AGB infolge von Verbandsklagen des VKI hat hier hohe Bedeutung.

Nicht nur in Österreich, sondern durch zahlreiche Vorabentscheidungsverfahren, die österreichische Gerichte aufgrund von Verbandsklagen des VKI eingeleitet und den EuGH um die Auslegung europäischen Rechtes ersucht haben, hat der VKI in den letzten 25 Jahren bereits viel zur Rechtsentwicklung für den gesamten europäischen Binnenmarkt beigetragen. Beginnend mit dem ersten Vorabentscheidungsverfahren in den Jahren 1997/1998 zur Frage, ob Pauschalreisende, die in einem Hotel an der Abreise gehindert werden, weil der insolvent gewordene Reiseveranstalter an den Hotelbetreiber nicht bezahlt hatte, Anspruch auf Ersatz ihrer nochmaligen Zahlung aus der Reise Insolvenzversicherung haben, über das Urteil Henkel im Jahr 2001 über die Voraussetzungen der internationalen Zuständigkeit österreichischer Gerichte für Verbandsklagen gegen ausländische Unternehmer, die Klärung der Unzulässigkeit sogenannter Zahlscheinentgelte in Verfahren gegen Mobiltelefoniebetreiber durch den EuGH im Jahre 2014, das Urteil des Jahres 2016 über die Anwendbarkeit der Informationspflichten für Verbraucherkredite für Ratenvereinbarungen, die von Inkassobüros geschlossen werden, das Urteil aus dem Jahr 2017 über die Voraussetzungen der Kommunikation im Electronic Banking bis zur Amazon-Entscheidung des EuGH im Jahr 2016, die große Bedeutung für Verbrauchergeschäfte im internationalen Rechtsverkehr erlangt und letztlich Anfang dieses Jahres zu einem für den VKI sehr erfreulichen Urteil des OGH geführt hat. Die Entscheidungssammlung des EuGH weist mittlerweile eine Vielzahl von Urteilen aus, die Verein für Konsumenteninformation im Titel tragen. Ich habe es statistisch nicht nachgeprüft, aber ich denke, dass kaum eine andere europäische Verbraucherorganisation in diesem Bereich dermaßen oft vor dem EuGH Verfahren geführt hat.

Aus Luxemburg kam vor einigen Jahren auch ein anderer wesentlicher Impuls für die Beurteilung von Geschäftsbedingungen: Urteile des EuGH in Verfahren über Verbraucherverträge und rechtswidrige Klauseln, die sich in solchen Verträgen befinden, haben zu einem radikalen Umdenken bei der Gestaltung von AGB geführt: Gerade durch die Judikatur, die auf die sogenannte Banesto-Entscheidung des EuGH aus dem Jahr 2012 zurückgeht, ist klargestellt, dass eine rechtswidrige Klausel in Verbraucherverträgen zur Gänze zu entfallen hat und nicht auf ein gerade noch zulässiges Maß reduziert wird, wie dies nach früherer österreichischer Rechtsprechung zu Einzelverträgen der Fall war. Es gilt also nicht mehr das Prinzip „nutzt es nicht, schadet es auch nicht“, wie die Herangehensweise vieler AGB-Verwender nach der früheren Rechtsprechung war, die in Einzelverträgen unzulässige Vertragsbestimmungen geltungserhaltend reduziert, also stattdessen jene Regelung angewandt haben, die gerade noch zulässig hätte vereinbart werden dürfen. Wer als Unternehmer bei der Gestaltung seiner AGB jetzt über das Ziel hinausschießt, muss nunmehr damit rechnen, dass seine Klausel im Streitfall gänzlich unangewendet bleibt.

Das Thema der AGB-Kontrolle hört nie auf: AGB sind sehr vielfältig und decken die gesamte Palette des Lebens in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht ab. Der Kreativität, was die Neugestaltung von problematischen AGB-Klauseln betrifft, sind keine Grenzen gesetzt. Und dazu ist einerseits ist der Gesetzgeber, und zwar sowohl der europäische als auch der nationale Gesetzgeber, rege und beeinflusst die zulässige Gestaltung von Geschäftsbedingungen durch immer neue Verordnungen, Richtlinien oder Bundesgesetze. Es ist davon auszugehen, dass dieses Thema auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vielfältig und spannend bleibt und die Bedeutung der Kontrolle von allgemeinen Geschäftsbedingungen durch die Gerichte in von wirksam arbeitenden Verbraucherschutzorganisationen eingeleiteten Verfahren eher zunehmen als abnehmen wird.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags.

Eröffnung: 25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung

Sektionschefin Dr. Maria Reiffenstein (BMASGK)[1]

Übersicht und Entwicklung

  • Das 1979 in Kraft getretene KSchG sah neben materiell-rechtlichen Schutzbestimmungen auch Maßnahmen zur Rechtsdurchsetzung in Form einer Verbandsklagsbefugnis für ausgewählte Verbände Diese Klagsbefugnis war auf Unterlassung unzulässiger AGB gerichtet und orientierte sich am UWG, aber erkennbar auch am deutschen Recht.
  • Diese Verbandsklagsbefugnis des KSchG wurde vorerst kaum genutzt. Dies hatte beim VKI va Ressourcengründe. So gab es vor 1992 kaum Judikatur zu verbraucherrechtlichen Fragestellungen. Der VKI führte nur gelegentlich Musterprozesse, die vom Konsumentenschutzressort finanziert wurden.
  • Im Jahr 1992 wurde auf Initiative des damaligen Gruppenleiters Gottfried Mayer und des damaligen Abteilungsleiters Hans-Peter Lehofer gemeinsam mit Peter Kolba, Leiter der damals erst im Aufbau befindlichen Rechtsabteilung das Klagsprojekt begründet. Das Konsumentenschutzressort stellte die dafür erforderlichen finanziellen Mittel (für die Auswahl und Betreuung der Verfahren und das damit einhergehende Prozesskostenrisiko) zur Verfügung.
  • Ziel war die Förderung der individuellen und kollektiven Rechtsdurchsetzung, aber auch der Rechtsentwicklung.
  • Das Klagsprojekt erwies sich bereits in den ersten Jahren als äußerst erfolgreich: Dies war ua darin begründet, dass vorerst massive und evidente Rechtsverstöße Gegenstand der Verfahren waren. Im Bereich der Musterprozesse etwa Verstöße gegen die Rücktrittsbelehrung beim Haustürgeschäft oder stillschweigende Verlängerungen von Abo-Verträgen bzw bei Verbandsklagen Verstöße gegen Gewährleistungsrecht bzw Schadenersatzrecht. Verbandsklagen endeten idR sofort nach Klagseinbringung durch Submissionsvergleich.
  • Früh gab es daher im Bereich der Verbandsklagen Überlegungen, der Klage ein außergerichtliches Abmahnverfahren Vorbild war Deutschland, wo seit 1977 Abmahnverfahren erfolgreich durchgeführt wurden. Die mit einem erfolglosen Abmahnverfahren verbundene Unsicherheit, ob die Wiederholungsgefahr bei nachfolgender Verbandsklage aufrecht ist, wurde mit der KSchG-Novelle 1997 legistisch gelöst. Seitdem wird den AGB-Verbandsklagen in aller Regel ein Abmahnverfahren vorangestellt. Das Abmahnverfahren wurde binnen kurzer Zeit sehr gut angenommen (im ersten Jahr der Anwendung wurden bereits 70 % auf diese Weise beendet, in den letzten Jahren sank diese Zahl auf ca 50%).
  • Im Bereich der Musterprozesse erwies sich die im Jahr 1983 in § 55 JN eingeführte Privilegierung der nach § 29 KSchG klagsbefugten Verbände als äußerst hilfreich. Bei Abtretung des Geld-Anspruches an den Verband war der Rechtszug zum OGHstreitwertunabhängig – bei relevanten Rechtsfragen möglich. Damit konnte auch bei geringen Streitwerten Judikatur des Oberstgerichtes erzielt werden und eine einheitliche Rechtsprechung sichergestellt werden. Die Erstreckung der Privilegierung durch die Zivilverfahrens-Novelle 2004 auf alle abtretbaren Ansprüche ermöglichte etwa auch Feststellungsklagen.
  • Die RL Unterlassungsklagen 98/27/EG war ein weiterer Meilenstein zur kollektiven Rechtsdurchsetzung: Sie etablierte europaweit das Instrument der Unterlassungklagen und sicherte zudem grenzüberschreitende Verbandsklagen. Zudem wurden auch Verstöße gegen EU-Recht außerhalb von AGB und rechtswidrige Praktiken Die RL wurde mit dem Fernabsatzgesetz umgesetzt; die Regelungen sind mit 1.1.2001 in Kraft getreten.
  • Das Klagsprojekt wurde idF um diese neuen Klagsbefugnisse erweitert und das Ressort stellte in den kommenden Jahren dafür vermehrt finanzielle Mittel zur Verfügung. Im Rahmen des Klagsprojektes werden jährlich ca 240 Verfahren – je zur Hälfte Musterverfahren und zur Hälfte Verbandsklagen bzw Abmahnungen geführt.
  • Erfolgsquote der Verfahren  liegt in den letzten Jahren bei ca 90%. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nach anfänglicher Fokussierung auf evidente Verstöße zunehmend auch ungeklärte Rechtsfragen an die Gerichte herangetragen wurden. Auf diese Weise konnte umfangreiche Rechtsfortbildung durch Judikatur erzielt werden. Dass die Erfolgsquote der geführten Verfahren in den letzten Jahren dennoch bei ca 90 % liegt, ist der sorgfältigen Auswahl und Verfahrensführung durch das gesamte Team der Rechtsabteilung des VKI zu verdanken.
  • An dieser Stelle möchte ich aber auch auf die jahre- bzw jahrzehntelange gedeihliche Zusammenarbeit mit den ausgewählten Vertragsanwälten des VKI verweisen, deren verbraucherpolitisches Engagement und umsichtige Verfahrensführung sehr zum Erfolg dieses Projektes beigetragen haben und beitragen. Ich möchte hier namentlich Herrn Dr. Heinz Kosesnik-Wehrle erwähnen, der als Rechtsanwalt der ersten Stunde dieses Klagsprojekt „mit aus der Taufe gehoben hat“. Drei für das Klagsprojekt bis heute ganz wesentliche Anwälte referieren heute, einige weitere sitzen im Publikum. Ihnen allen herzlichen Dank.

Judikatur zur Klagsbefugnis

Die Höchstgerichte waren mehrmals mit grundsätzlichen Fragen der Klagsbefugnis des VKI befasst:

Der VfGH hatte sich mit Fragen der Zulässigkeit der Verbands-Musterklage bzw der Verbandsklage zu beschäftigen:

  • 1994 stand die im Jahr 1983 etablierte Muster-Verbandsklage auf dem Prüfstand. Diese räumte den in § 29 KSchG genannten Verbänden eine streitwertunabhängige Anrufung des OGH ein. Die sachliche Rechtfertigung dieser Privilegierung begründete der VfGH mit  den überindividuellen Interessen an einer oberstgerichtlichen Rechtsprechung zu Rechtsfragen von allgemeiner Bedeutung (VfGH G126/93)
  • Im Jahr 2016 wurde die Befugnis zur Veröffentlichung eines Urteils aufgrund einer Verbandsklage nach § 30 KSchG vom VfGH einer Prüfung unterzogen. Der VfGH sah in der Befugnis zur Veröffentlichung des Urteils eine Effektuierung des Zwecks der Verbandsklage. Die angefochtenen Bestimmungen dienen demnach dem Konsumentenschutz und liegen somit im öffentlichen Interesse. Sie sind zur Zielerreichung geeignet, adäquat und auch sonst sachlich gerechtfertigt. (VfGH G346/2016)

Der OGH setzte sich mit der Zulässigkeit der „Sammelklage nach österreichischem Recht“ sowie deren Rahmenbedingungen iZm Sammelklagen des VKI auseinander und entschied im Sinne des Konsumentenschutzes:

  • Die als Weiterentwicklung der Verband-Musterklage anzusehende Klagshäufung ist lt OGH gesetzeskonform, wenn im Wesentlichen gleiche Fragen tatsächlicher oder rechtlicher Natur zu lösen sind, die die Hauptfrage oder eine ganz maßgebliche Vorfrage aller Ansprüche betreffen (3 Ob 275/04v).
  • In einem Anleger-Sammelklagsverfahren wurde die Klagslegitimation des VKI vom Beklagten in Abrede gestellt mit der Begründung, die Prozesskostenfinanzierung durch einen externen Dritten verstoße gegen das quota litis-Prinzip, was die Nichtigkeit der Abtretung der Ansprüche an den VKI zur Folge habe. Dem hielt der OGH entgegen, dass die quota-litis-Regelung dem Mandantenschutz und dem Schutz der Standesehre, nicht jedoch dem Schutz des Prozessgegners Selbst ein allfälliger Verstoß dagegen könne nur von den Verbrauchern, nicht jedoch vom Prozessgegner geltend gemacht werden (6 Ob 224/12b).

Auswirkungen der Klagstätigkeit auf die Legistik

Verfahren, die der VKI im Rahmen des Klagsprojektes geführt hat haben unabhängig vom Verfahrensausgang Auswirkungen auf die Legistik der letzten Jahre gehabt. Aber es wurden auch verbraucherrechtliche Lücken in der Rechtsordnung evident, die eine Klagsführung verhinderten.

Einige Beispiele:

  • Der Verbraucherbegriff in § 1 KSchG war strittig und konnte in einem Verfahren zugunsten der Verbraucher geklärt werden: Anlass war eine „Keilergruppe“, die auf Einkaufsstraßen Verträge über den Beitritt zu einer Tierschutzorganisation abschloss. Die Mitgliedschaft zu ideellen Vereinen wurde unter bestimmten Umständen von der Judikatur dem Verbrauchervertrag unterstellt. Diese Klarstellung wurde gesetzlich in § 1 KSchG verankert.
  • Irreführende Gewinnzusagen „überschwemmten“ eine Zeit lang den Markt. Verbraucher erlitten Schäden durch Investitionen in die Abholung des vermeintlichen Gewinnes. Verbandsklagen gem § 14 UWG waren erfolgreich, führten aber nicht zu einem Ende der Irreführung – die Methoden wurden laufend geändert. 1999 stellte § 5j KSchG (heute § 5c) sicher, dass derartige Zusagen idF erstmals einklagbar waren. § 5j wurde zur vielleicht am häufigsten geprüften Norm, nicht nur vom OGH, sondern auch vom VfGH und hinlässlich der Frage des Gerichtsstands nicht nur einmal vor dem EuGH.
  • Inkassobüros verhielten Schuldner zu Anerkenntnissen über ungeklärte Beträge. Nach Berufung auf die Intransparenz derartiger Verträge wurde 1997 ein spezielles Aufschlüsselungsgebot in § 6 Abs 1 Z 15 KSchG eingeführt.
  • Eine Verbandsklage zu einer Zinsanpassungsklausel präzisierte die Voraussetzungen der in § 6 Abs 1 Z 5 KSchG normierten Voraussetzungen. Das von der Judikatur vorgegebenen Prinzip der Zweiseitigkeit wurde idF mit der Novelle 1997 festgeschrieben.

Nicht nur Klagsführungen durch Verbraucherverbände, sondern auch andere Individualverfahren im Interesse des Konsumentenschutzes führten zur Weiterentwicklung des KSchG:

  • Die Ersatzfähigkeit entgangener Urlaubsfreuden war nach einer Entscheidung des EuGH in einem österreichischen Rechtsstreit zugesprochen worden und führte 2003 zu einer Adaptierungen des § 31e KSchG.
  • Die Haftung einkommensloser Familienangehörigen für hohe Verbraucherkredite wurde von der Judikatur als sittenwidrig und nichtig erkannt. Dies führte 1997 zum Minderungsrecht des Gerichtes bis auf Null nach 25d KSchG.

Anmerkung: Mittlerweile gibt es – nicht zuletzt wegen der Klagstätigkeit von Verbraucherverbänden in mehreren Mitgliedstaatenumfängliche Judikatur des EuGH zu verbraucherrechtlichen Fragestellungen in vielen Bereichen.

Rechtspolitische Diskussion zu Fragen der Rechtsdurchsetzung

  • Seit vielen Jahren werden national, aber auch auf europäischer Ebene Regelungen zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung bei potentieller Schädigung einer Vielzahl von VerbraucherInnen diskutiert. Die wesentlichen Hindernisse der individuellen Rechtsdurchsetzung sind evident: das Prozesskostenrisiko der Verfahrensführung übersteigt gerade bei Verbraucherstreitigkeiten oft den Streitwert.
  • Es würde daher naheliegen, dass VerbraucherInnen erst nach Musterentscheidungen der Gerichte klagen oder versuchen außergerichtlich einen Vergleich zu erwirken. Das Abwarten des Verfahrensergebnisses ist jedoch vielfach durch den zwischenzeitlichen Eintritt der Verjährung nicht möglich.
  • Gleiches gilt auch für den Fall, dass eine Verbraucherschutzorganisation eine erfolgreiche Verbandsklage führt: Das Ergebnis hat keine Auswirkung auf die laufende Verjährung individueller Ansprüche und darüber hinaus auch keine unmittelbare Wirkung auf KonsumentInnen.
  • Es bleibt daher die Frage, wie Massenverfahren sowohl kostengünstig als auch für die Gerichte ressourcenschonend geführt werden können.
  • 2 aktuelle Initiativanträge befassen sich mit diesen Fragen und Maßnahmen zur effektiven, leistbaren und prozessökonomischen Rechtsdurchsetzung bei Massenschäden.
  • Musterverfahren – ein klagsbefugter Verband führt ein als Musterverfahren bezeichnetes Verfahren, das Fragen betrifft, die potentiell eine Vielzahl von VerbraucherInnen betreffen: alle Verjährungsansprüche potentiell Betroffener werden gehemmt.
  • Musterfeststellungsverfahren: ein Verband führt ein Verfahren auf eigenes Risiko – potentiell Betroffene können sich – ohne Anmeldung im Verfahren – auf das Verfahrensergebnis berufen (opt-out-Prinzip).
  • Alternative: Gruppenverfahren: Eine Gruppe bringt Klage ein – alle Geschädigten mit vergleichbaren Ansprüchen können sich der Klage binnen Frist anschließen (opt-in-Prinzip).

Abschließend möchte ich erwähnen, dass die Europäische Kommission am 11.4.2018 iZm dem sog „New Deal for Consumers“ Richtlinienvorschläge vorlegen wird, die auch zum sehr kontroversiell diskutierten Thema kollektiver Rechtsschutz Vorschläge enthalten werden, möglicherweise einen Beseitigungsanspruch und eine Rechtsfolgenerstreckung von Verbandsklagsurteilen.

Selbstverständlich steht der VKI den Anliegen des kollektiven Rechtsschutzes sehr positiv gegenüber.

Die BReg hat die Probleme zu erkennen und ausgewogene Lösungen auszuarbeiten, die die Interessen der gesamten Bevölkerung und des Wirtschaftsstandortes miteinbeziehen.

Ich wünsche der heutigen Veranstaltung gutes Gelingen und freue mich auf spannende Beiträge und Diskussionen.

[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Eröffnungsworte.