Die Zukunft der Rechtsdurchsetzung – die europäische Perspektive

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Dr. Christoph Schmon (Team Leader Consumer Rights at BEUC)[1]

Der VKI als wichtiger Impulsgeber der Rechtsdurchsetzung

Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) kann auf eine lange und erfolgreiche Tradition der Verbraucherrechtedurchsetzung in Österreich zurückblicken. Auch aus europäischer Sicht gilt der VKI als einer der fortschrittlichsten Verbände, der BEUC und dem europäischen Netzwerk der Verbraucherschutzorganisationen regelmäßig wichtige Impulse im Bereich der koordinierten Rechtsdurchsetzung gibt.

Solche coordinated actions gewinnen auch deshalb an Bedeutung, weil sich Rechtsdurchsetzung von territorialen Grenzen gelöst hat und sich zusehends am Binnenmarkt ausrichtet. Als Beispiel für ein erfolgreiches Projekt der gemeinsamen Rechtsdurchsetzung kann das Consumer Justice Enforcement Forum (COJEF) dienen, ein zum Teil aus EU-Mitteln finanziertes Projekt im Rahmen dessen Verbraucherorganisationen Erfahrungen der guten fachlichen Praxis austauschen konnten und Durchsetzungsstrategien entwickelt wurden. Ein Resultat war die gemeinsame Rechtsdurchsetzung von 11 BEUC-Mitgliedern gegen das Technologieunternehmen Apple Inc. aufgrund irreführender Angaben und unlauterer Vermarktung einer Herstellergarantie, welche in den wesentlichen Punkten hinter dem gesetzlichen Gewährleistungsrecht zurückblieb.

Der Fitness Check des EU-Verbraucherrechts

Dass Verbraucherrechtedurchsetzung gesamteuropäisch angepackt werden muss, hat man auch in Brüssel erkannt, von wo aus gerade ein Reformprozess gestartet wird. Am 11. April wird die Europäische Kommission den sogenannten New Deal for Consumers vorstellen, ein Bündel von legislativen und nicht-legislativen Maßnahmen welche das Verbraucherrecht zukunftsfit machen sollen. Obwohl der Name dem Ausmaß der Reform nicht gerecht wird, ist immerhin mit einer Stärkung des kollektiven Rechtsschutzes zu rechnen: eine Forderung, die BEUC als europäischer Verbraucherschutzverband schon seit Jahrzehnten artikuliert.

Antriebsfeder einer Verbraucherrechtsreform ist der vor kurzem abgeschlossene Fitness Check des EU-Verbraucherrechts – eine Panoramaanalyse des geltenden Verbraucherrechtsacquis, welcher auf seine Effektivität und Tauglichkeit hin untersucht wurde.[2] Die Europäische Kommission hat in diese vielleicht umfangreichste Analyse des EU-Verbraucherrechts viel Zeit und Geld investiert. Resultate bisheriger Untersuchungen wurden einer Metaanalyse unterzogen, neue Studien in Auftrag gegeben, öffentliche Konsultationen gestartet, Verhaltensexperimente durchgeführt und Expertengruppen (unter Einbindung von BEUC und weiteren Mitgliedern) eingerichtet.

Die Kosten des Verbraucherrechts

Die Analyse zeigte, dass der EU-Verbraucherrechtsstandard an sich gut und durchaus ein Qualitätsmerkmal der Europäischen Union ist. Dabei zeigen die Daten, dass die Kosten für die Einhaltung des Verbraucherrechts (compliance costs) verhältnismäßig gering sind: Mit einem Aufwand, der lediglich 0,024 % des jährlichen Umsatzes der befragten Unternehmen entspricht, belegte das Verbraucherrecht unter 32 untersuchten Kostenpunkten den vorletzten Rang. Verbraucherrecht ist daher eine der am wenigsten kostenintensiven Stellen aus Unternehmersicht.

Das Problem der Rechtsbefolgung

Andererseits zeigte die Analyse große Probleme der Rechtsbefolgung durch Unternehmen: Seit 2005 ist die Anzahl der Rechtsverstöße im Wesentlichen gleich geblieben und konnten Beschwerdefälle trotz einiger Reformen nicht reduziert werden. Aus ökonomischen und prozessrechtlichen Gründen ist dem geschädigten Konsumenten oft der Zugang zum Recht versperrt: die erlittenen Schäden sind häufig gering und stehen besonders in grenzüberschreitenden Situationen in keinem Verhältnis zum Aufwand der Rechtsdurchsetzung.

Dazu passt ins Bild, dass die Bekanntheit des Verbraucherrechts zu wünschen übrig lässt. Nur 40 % der Konsumenten wussten über ihr Recht auf kostenlose Reparatur oder Austausch des Produktes im Gewährleistungsfall Bescheid. Nur 40 % der Händler wiederum hatten eine klare Vorstellung über das Rückgaberecht im Online-Handel. Möglicherweise kann der Modellversuch der Kommission mit dem klingenden Namen ConsumerLawReady Abhilfe schaffen. Unter diesem Programm, organisiert von BEUC und zwei europäischen Unternehmensverbänden, werden Schulungen für nationale KMUs angeboten werden[3].

Zugang zum Recht – der Fall Volkswagen

Besonders in Massenschadensfällen zeigt sich, dass Verbraucher einen schwierigen Zugang zum Recht haben: Der Volkswagen Skandal – mag er auch nun bereits als Beispiel überstrapaziert worden sein – zeigt das Problem der Rechtsdurchsetzung: Einem relativ klaren Verstoß gegen einheitliches Unionsrecht (Typengenehmigungsrecht und vollharmonisiertes Verbraucherrecht), von welchem EU-Verbraucher gleichermaßen betroffen sind, steht ein Flickenteppich der Verbraucherrechtedurchsetzung gegenüber: Während in manchen Mitgliedstaaten Verbraucher kollektiv geschützt werden und auf Entschädigungen hoffen dürfen, gibt es in anderen Mitgliedstaaten Behördenuntätigkeit und weder effektive Individual- noch Kollektivrechte für Verbraucher. Dieses Problem ist freilich auch darin begründet, dass die einschlägigen EU-Rechtsgrundlagen keine konkreten Rechtsmittel oder Sanktionen vorsehen. EU-Recht als lex imperfecta – ein Recht ohne Sanktion?

Die Zukunft der Rechtsdurchsetzung: der New Deal für Verbraucher

Der vor kurzem veröffentlichte Bericht über den kollektiven Rechtsschutz in Europa zeigte wenig überraschend, dass in den meisten Mitgliedstaaten entweder keine oder keine wirkungsvollen Instrumente des kollektiven Rechtsschutzes zur Verfügung stehen. In nur fünf Staaten sind Verbraucher im Fall von Massenschäden effektiv geschützt. Die Europäische Kommission und die zuständige Justizkommissarin Vera Jourova sind daher entschlossen, die kollektive Rechtsdurchsetzung von Verbrauchern zu stärken.

Zu einer echten europäischen Sammelklage wird es zwar nicht kommen, aber immerhin sieht der New Deal for Consumers eine Reform des Unterlassungsverfahrens vor. Mitgliedstaaten werden sicherstellen müssen, dass eine Verbraucherorganisation wie der VKI zum einen Unterlassung des rechtswidrigen Verhaltens begehren kann und zum anderen verlangen kann, dass betroffene Verbraucher kollektiv entschädigt werden müssen. Wie dies im Detail umgesetzt werden soll wird noch verhandelt und das Ergebnis wird ein politischer Kompromiss sein.

Zudem sollen Sanktionsmöglichkeiten gestärkt werden. Die schablonenartige Formulierung wie sie üblicherweise in EU-Richtlinien zu finden ist, wonach Mitgliedstaaten Sanktionen für Verstöße festlegen sollen, die „wirksam, verhältnismäßig und abschreckend“ sind, wird aufgrund mangelnder Umsetzungsdisziplin und zugunsten einer konkreten Benennung von Anforderungen an Strafhöhen aufgegeben. Schließlich werden im Fall des unlauteren Wettbewerbs vertragliche und außervertragliche Individualrechte für Verbraucher eingeführt werden. Es darf erwartet werden, dass Verbraucher ein Recht auf Schadenersatz und Vertragsauflösung zugestanden wird. Zu all diesen Maßnahmen werden sich weitere Gesetzesänderungen gesellen; dies auch um die Kosten für Unternehmer zu senken.

Die Rolle der Österreichischen Ratspräsidentschaft

Die Entfaltung des Binnenmarktes und ein hoher Standard der Rechtsdurchsetzung stehen nicht notwendigerweise im Konkurrenzverhältnis oder Zielkonflikt. Ein trade off ist genauso wenig angezeigt wie ein schlechter Kompromiss. Es darf erinnert werden, dass effektive Rechtsdurchsetzung Gesetzestreue belohnt, Innovation anregt und Verbraucher ermuntert, am Binnenmarkt teilzunehmen.

Für Österreich ist die anstehende Reform des Verbraucherrechts jedenfalls eine Chance Führungsqualität zu zeigen, denn die Reformarbeit wird in die Hände der österreichischen Ratspräsidentschaft fallen. Die Rolle der Ratspräsidentschaft ist eine verantwortungsvolle und auch einflussreiche; dies besonders jetzt, nachdem das Ende der Legislaturperiode im Europäischen Parlament ansteht und daher eine besondere Dringlichkeit geboten ist, mit den relevanten Dossiers voranzuschreiten. Es bleibt zu hoffen, dass die Reform im Sinne der Verbraucher gelingt.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags. Zum anlässlich des Symposiums gemeinsam mit Dr. Lell (vzbv) gegebenen Interviews siehe hier.

[2] Für Details siehe Schmon, Fitness Check of EU Consumer Law: An Interim Judgment, in Reiffenstein/Blaschek (Hrsg), Konsumentenpolitisches Jahrbuch 2017.

[3] Die für Österreich zuständige Trainerin ist Maga. Ulrike Docekal vom Verein für Konsumenteninformation.

Statement AK: 25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung

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Mag. Gabriele Zgubic (Bundesarbeitskammer)[1]

Als Gründungsmitglied ist die AK seit nunmehr 57 Jahren Mitglied des VKI. Umso mehr freut es mich, mit dem VKI 25 Jahre Klagstätigkeit feiern zu können. Stand im VKI ursprünglich die Produktberatung im Vordergrund, hat sich mit der Zeit der Tätigkeitsbereich verbreitert und mittlerweile ist der Klagsbereich einer der wesentlichen Pfeiler des VKI. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass viele Unternehmen den AK-Konsumentenschutz vor allem deswegen ernst nehmen, weil wir jederzeit mit Klagen gegen sie vorgehen können. Das ist beim VKI wohl nicht anders. Speziell große Unternehmen oder Konzerne können oft nur so überzeugt werden, sich rechtskonform zu verhalten.

Die Verbandsklage als effektives Instrument mit Schwächen

Die Möglichkeit, Verbandsklagen zu führen ist daher essentiell, dennoch zeigen sich einige Schwächen in der Prozessordnung. So entfalten Verbandsklagen nicht automatisch Wirkung auf einzelne Betroffene, da sie nur darauf gerichtet sind, dass eine als rechtswidrig befundene Klausel nicht mehr verwendet wird und sich das Unternehmen nicht mehr darauf berufen kann. So musste etwa in einem AK-Verfahren gegen eine Bank wegen zu viel verrechneter Zinsen, Verzugszinsen und Mahnspesen ein gesondertes Prozedere mit dieser Bank für die Kompensation der betroffenen Konsumentinnen und Konsumenten vereinbart werden und oft müssen die Betroffenen selber aktiv werden. Letztlich bedeutet dies, dass viele Ansprüche einfach liegen bleiben, die sich das Unternehmen behalten kann. Das ist nicht befriedigend. Daher braucht es eine Regelung, dass mit einem Urteil auch über die einzelnen Ansprüche mitentschieden wird und Unternehmen verpflichtet sind, Betroffenen die Entschädigung von sich aus zu bezahlen.

Ein weiteres Problem ist die Wirkung eines Urteils auf gleichlautende Klauseln anderer Unternehmen. Die AK hat in einem Verfahren gegen ein Telekommunikationsunternehmen eine Klausel angefochten, der zufolge eine Kündigungsfrist von 3 Monaten für Altverträge nicht zulässig ist. Gleichlautende Klauseln hatten auch andere Unternehmen dieser Branche. Nichtsdestotrotz wurde Konsumentinnen und Konsumenten, die kündigen wollten und auf dieses Urteil verwiesen, die kürzere Kündigungsfrist verweigert mit dem Hinweis, dieses Urteil gelte für sie nicht. Nur unter Androhung weiterer Klagen lenkten diese Unternehmen ein und akzeptierten schließlich die kürzere Kündigungsfrist. Auch hier wären Regelungen nötig, um dieses Schlupfloch zu schließen.

Gleichzeitig bringen die Verbandsklagen auch Rechtssicherheit und dienen auch der Rechts­fortbildung. So hat etwa das Zahlungsdienstegesetz, das im Jahr 2009 in Kraft getreten ist, viele offene Rechtsfragen aufgeworfen, die in mehreren Verbandsklagsverfahren geklärt werden konnten. Eine gesicherte Rechtslage ist auch ein Vorteil für Unternehmen.

Fehlende Verbandsklagsbefugnis bei Datenschutzverstößen

Die Datenschutz-Grundverordnung bietet die Möglichkeit, auf nationaler Ebene Verbänden eine Verbandsklagsbefugnis gegen Datenschutzverstöße zu geben. Leider hat die Regierung von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht. Ich sehe keine nachvollziehbaren Gründe außer im Schutz von Unternehmen vor Klagen, wenn sie gegen Datenschutzgesetze verstoßen.

Kein Abtretungsverbot in Allgemeinen Geschäftsbedingungen

In Bezug auf Musterklagen ist uns in den letzten Jahren aufgefallen, dass Unternehmen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen immer öfter Abtretungsverbote festlegen. Somit kann ein Anspruch einer Konsumentin oder eines Konsumenten auch nicht etwa an verbandsklagsbefugte Organisationen wie AK oder VKI zur Klagsführung von Musterprozessen abgetreten werden. Daher sollte im Konsumentenschutzgesetz festgelegt werden, dass eine Abtretung zumindest an verbandsklagsbefugte Verbände nicht vertraglich ausgeschlossen werden darf.

Unrecht darf sich nicht lohnen – Gewinnabschöpfung im UWG nötig

Als effizientes Mittel gegen Wettbewerbsverstöße soll die Möglichkeit der Gewinnabschöpfung eingeführt werden. Dabei sollen diese Einnahmen zumindest zum Teil Konsumentenschutz­einrichtungen zugutekommen. Unrecht soll sich nicht lohnen dürfen, auch nicht zum Nachteil jener Unternehmen, die sich an Gesetze halten.

Gruppenklagen: Lange diskutiert – nichts passiert

Vorstöße für eine gesetzliche Regelung von prozessrechtlichen Instrumentarien gibt es seit über 10 Jahren. Ein schon weit gediehener Vorschlag des Justizministeriums unter Einbeziehung von Stakeholdern wurde damals schubladisiert. Obwohl in zwei Regierungsübereinkommen vereinbart, wurde wegen des Widerstandes der Wirtschaft dieses Vorhaben nicht umgesetzt. Der letzte Vorstoß war ein SPÖ-Initiativantrag im Herbst 2017, der allerdings keine Mehrheit fand. Auch auf europäischer Ebene konnte sich die Europäische Kommission nur zu einer unverbindlichen Empfehlung im Jahr 2013 durchringen, die kürzlich evaluiert wurde. Wenig erstaunlich zeigt sich, dass es EU-weit viele Lücken bei der kollektiven Rechtsdurchsetzung gibt. Ob die Europäische Kommission allerdings einen Richtlinienvorschlag zur Einführung eines kollektiven Rechtsinstruments vorlegen wird, ist zu bezweifeln. Zu groß ist der Widerstand der Unternehmen, die amerikanische Verhältnisse befürchten. Die jahrelange Erfahrung mit der „Sammelklage österreichischer Prägung“ hat aber gezeigt, dass keineswegs amerikanische Zustände in Österreich Einzug gehalten haben.

Die Erfahrungen mit der „Sammelklage österreichischer Prägung“ haben aber auch gezeigt, dass es sich um eine sehr aufwändige Konstruktion mit einigen Defiziten handelt. So sind für die Organisation der Sammelklage hohe Ressourcen, sowohl zeitlich als auch finanziell erforderlich. Jeder einzelne Geschädigte muss den Anspruch an die AK oder den VKI abtreten. Dies ist organisatorisch aufwendig und das Prozesskostenrisiko muss die prozessführende Organisation tragen. Daher sind diese Verfahren oft nur mit einem Prozesskostenfinanzierer möglich. All dies führt dazu, dass die Rechtsdurchsetzung bei Massenschäden nur vereinzelt erfolgt und es daher zusätzlich weiterer Instrumente bedarf wie insbesondere die Schaffung der Musterklage sowie der Gruppenklage.

Zur Frage des Modells opt-in vs opt-out ist dem letzteren der Vorzug zu geben.

Die Musterklage hat gegenüber der Gruppenklage den Vorteil, dass nur ein Fall von vielen gleichartigen Fällen eingeklagt werden müsste, mit dem exemplarisch die strittigen Rechtsfragen geklärt werden, die allen Fällen gemeinsam sind. Dies würde bei gleichzeitiger Hemmung der Verjährung für alle anderen Betroffenen ein äußerst prozessökonomisches Vorgehen ermöglichen und das den Sammelklagen immanente hohe Prozesskostenrisiko beschränken. Eine vergleichbare gesetzliche Regelung gibt es zB in Deutschland für Anlegerschäden im Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG). Eine Ausdehnung auf andere Sachverhalte plant die deutsche Regierung noch in diesem Jahr im Hinblick auf die Verjährung der Ansprüche geschädigter VW-Kunden.

Eine große Hemmschwelle stellen Gerichts- und Rechtsanwaltskosten dar – nicht nur für Einzelpersonen, sondern auch für Institutionen, die eine Sammelklage organisieren. So liegt der Streitwert bei der aktuellen Alpine-Sammelaktion der AK bei rd 27 Mio Euro. Damit sind astronomisch hohe Kosten verbunden, die selbst eine so große Institution wie die AK nur mit einem Prozesskostenfinanzierer tragen kann. Es braucht daher eine deutliche Reduzierung von Kosten etwa mit einer Deckelung der Höhe des für die Berechnung der Kosten zugrunde zu legenden Streitwerts.

Die AK führt derzeit 66 Gerichtsverfahren – Verbands- und Musterklagen sowie UWG-Verfahren. Im Jahr 2017 hat die AK außergerichtlich und gerichtlich rd 11,1 Mio Euro erstritten, wobei der Erfolg aus der von der AK Tirol beauftragten Klage des VKI in Bezug auf die Negativzinsen Kreditnehmern ca 350 bis 400 Mio Euro bringt.

Wir tun viel und reden nicht nur – auch wenn manche das gerne hätten. Gemeinsam mit dem VKI sind wir ein durchsetzungsstarkes Bollwerk im Interesse der Konsumentinnen und Konsumenten und das soll auch in Zukunft so bleiben.

[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien im Rahmen einer Podiumsdiskussion abgegebenen Statements.

„Abmahnen statt (gleich) klagen“ – ein Erfolgsmodell des Schutzverbandes

Seidelberger

Mag. Hannes Seidelberger (Geschäftsführer Schutzverband gegen unlauteren Wettbewerb)[1]

Dem im Jahr 1954 gegründeten Schutzverband gegen unlauteren Wettbewerb gehören mittlerweile über 600 Interessenvertretungen selbständig Erwerbstätiger als Mitglieder an. Er ist damit die größte Vereinigung zur Förderung wirtschaftlicher Interessen von Unternehmern in Österreich, welche nach § 14 UWG klagslegitimiert ist.

Ebenso ist der Schutzverband eine gemäß der EU-Richtlinie über Unterlassungsklagen zum Schutz der Verbraucherinteressen, RL 98/27/EG, qualifizierte, klagebefugte Einrichtung. Seit seiner Gründung vor über 60 Jahren schreitet der Schutzverband bei Wettbewerbsverstößen im Interesse eines fairen Wettbewerbs ein und ist damit auch im Bereich der Rechtsdurchsetzung der Richtlinien über unlautere Geschäftspraktiken und irreführende Werbung nachhaltig aktiv.

Mit rund 2.500 Abmahnungen im Jahr 2017 hat der Schutzverband so oft wie nie zuvor seit seinem Bestehen bei Verstößen gegen das Wettbewerbsrecht außergerichtlich interveniert und ist damit auf dieser Ebene einer der aktivsten Verbände in ganz Österreich. Nach dem Leitsatz „Beraten statt strafen“ erfolgen alle Unterlassungsaufforderungen an eingetragene Unternehmer bei einem erstmaligen Verstoß zunächst außergerichtlich und kostenfrei direkt durch den Schutzverband.

Diese nun schon über viele Jahre konsequent verfolgte unbürokratische Vorgangsweise hat dazu geführt, dass die durch Abmahnung des Schutzverbandes erlangten Unterlassungserklärungen beständig zugenommen haben und die Notwendigkeit von Klagen geringer geworden ist. Es zeigen sich einige ganz wesentliche Vorteile bei diesem „Erfolgsmodell“:

  • Es können wesentlich mehr Fälle bearbeitet werden, weil außergerichtliche Interventionen zwar ebenfalls sorgfältig vorzubereiten sind, aber dennoch einen deutlich geringeren Aufwand erfordern als gerichtliche Klagen, wo zudem das Risiko eines Prozesskostenersatzes besteht.
  • Durch ein solches Einschreiten kann viel rascher reagiert werden und es ist möglich, selbst im Vergleich zu einem erfolgreichen Antrag auf Erlassung einer Einstweiligen Verfügung regelmäßig eine wesentlich schnellere Beendigung des wettbewerbswidrigen Verhaltens zu erreichen.
  • Mit den beschränkten Ressourcen eines rein aus Mitgliedsbeiträgen finanzierten Verbandes können so die einlangenden Beschwerden auch effizienter bearbeitet werden.
  • Den solcherart kontaktierten Unternehmern wird durch das außergerichtliche Schreiben die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben bzw können diese Fragen dazu schriftlich oder auch telefonisch an die Juristen des Verbandes richten.
  • Dazu gehört eine generelle Gesprächsbereitschaft, etwa um die Rechtswidrigkeit des Verhaltens noch näher zu erklären oder um sinnvolle und vertretbare Lösungen zu finden. Allerdings sind hier klare Leitlinien notwendig, was Fristsetzung usw betrifft, um gleiche Spielregeln für alle zu schaffen.
  • Mögliche Irrtümer des werbenden Unternehmens können unmittelbar aufgeklärt und vor allem auch Verstöße aus Unwissenheit ohne gerichtliche Befassung oder Kosten rasch behoben werden.
  • Die für alle Seiten risikobehaftete und oft sehr „teure“ Klage dient nur mehr als ultima ratio, falls wirklich kein Einsehen besteht bzw über den konkreten Anlassfall hinaus ein besonderes Interesse daran besteht, den Sachverhalt einer gerichtlichen Beurteilung zuzuführen und damit zur Rechtsfortbildung beizutragen.
  • Durch Interventionen nach dem Modell des Schutzverbandes werden auch die Gerichte entlastet und können sich den wirklich wichtigen bzw streitigen Fällen ohne außergerichtliche Lösungsmöglichkeit widmen.

Ein ähnliches Prinzip verfolgt die außergerichtliche Mediation, wobei ein wichtiger Unterschied zu den Interventionen nach dem UWG darin liegt, dass der abmahnende Verband hier die Spielregeln in Form der geforderten Unterlassungserklärung vorgibt und damit der weitere Ablauf klar definiert ist. Dazu gehört freilich, dass Abmahnungen grundsätzlich ebenso gewissenhaft aufbereitet werden wie Klagen, wobei auch die Anforderungen an die Beweispflicht (insbesondere nach § 14 UWG) zu erfüllen sind.

Die Erfolgsquote gibt dieser Form des Einschreitens Recht, weil die weit überwiegende Anzahl an gemeldeten Verstößen auf diese Weise außergerichtlich und somit rasch und effizient im Sinne eines fairen Wettbewerbs positiv erledigt werden können. Aber auch für den abgemahnten Unternehmer ist eine solche Vorgangsweise von Vorteil, weil die Abgabe einer Unterlassungserklärung kostenfrei und in aller Regel ohne zusätzliche Beiziehung eines Anwalts möglich ist. Gerade für kleinere Firmen (Einpersonenunternehmen – EPU und Klein- und Mittelbetriebe – KMU) ist dies eine angemessene Herangehensweise, da diese in der Regel über keine eigenen Rechtsabteilungen verfügen.

Die dargestellte Form des Einschreitens ändert nichts daran, dass bei wiederholten Verstößen, beharrlicher Uneinsichtigkeit des wettbewerbswidrig Handelnden oder in Fällen von grundsätzlichem Interesse eine Klagsführung nach dem UWG notwendig sein kann. Aber die gerichtliche Befassung erfolgt erst dann, wenn eine außergerichtliche Lösung nicht möglich ist.

Generell ist schließlich festzuhalten, dass die bestehenden Mittel der Rechtsdurchsetzung aus Sicht des Schutzverbandes gegen unlauteren Wettbewerb insbesondere nach dem UWG ausreichend erscheinen. Die zivilrechtliche Durchsetzung von Unterlassungsansprüchen in Kombination durch Mitbewerber und Verbände bildet die zum Wettbewerb einlangenden Beschwerden auch in Bezug auf die jeweiligen Sachverhalte gut ab. Dazu kommt das von der Rechtsprechung eingeführte Fruchtziehungsverbot.

Nicht zuletzt wird durch eine verstärkt außergerichtliche Interventionstätigkeit ein entsprechendes Knowhow bei den Verbänden geschaffen, welche laufend über konkrete Anlassfälle hinaus auch präventiv für die relevanten rechtlichen Informationen sorgen und entsprechende Beratungsleistungen erbringen. Eine solche Reaktionsfähigkeit und Effizienz in der Durchsetzung stellen ein gutes Beispiel für eine konsequente, aber auch für die Wirtschaftstreibenden ausgewogene und unbürokratische Form der Sicherung eines fairen sowie lauteren Wettbewerbs dar.

[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien im Rahmen einer Podiumsdiskussion abgegebenen Statements.

Sammelklagen und kollektive Rechtsdurchsetzung

Klauser

RA Dr. Alexander Klauser (bkp Rechtsanwälte)[1]

Ausgangssituation

Der Zivilprozess ist, wie jeder Rechtsstreit und jedes Gerichtsverfahren, ein „sozialer Störfall“. Normalerweise streitet kein Mensch gerne, weder Verbraucher noch Unternehmer. Kein Mensch geht gerne zum Anwalt oder gar zu Gericht – wenn es sich denn vermeiden lässt. Damit angesichts dieser Ausgangssituation jedoch nicht das Gesetz des Dschungels herrscht, der Stärkere den Schwächeren, der Staat den Einzelnen unterdrückt, braucht es im Hintergrund ein wirksames Sanktionensystem: ein gerechtes materielles Recht und im Bedarfsfall ein leistbares, effizientes und ausgewogenes System zu dessen Durchsetzung.

Zum Glück hat Österreich all dies in hohem Maße – bis auf einen Bereich. Wenn Rechtsverletzungen im großen Stil, also massenhaft auftreten, dann wird das Fehlen eines echten kollektiven Rechtsschutzinstruments empfindlich und schmerzlich spürbar. Österreich ist vieler Hinsicht ein moderner demokratischer Rechtsstaat – was jedoch Massenschäden anlangt, die insbesondere (wenn auch nicht nur) im Bereich des Verbraucherrechts auftreten, ist Österreich hingegen leider ein Entwicklungsland.

Ein Zusammenwirken mehrerer Umstände erschwert in Österreich beim massenhaften Auftreten gleicher oder ähnlicher Ansprüche deren Durchsetzung. Erstens: die Kosten der Rechtsdurchsetzung sind in Österreich überdurchschnittlich hoch. So hat Österreich europaweit, wenn nicht sogar weltweit, die höchsten Gerichtsgebühren. Zweitens: in Fällen massenhaften Rechtsbruchs ist für Kläger der entscheidende Beweis oft besonders schwierig, vor allem aber aufwändig, zu führen. So müssten zB hunderte Zeugen einvernommen werden, um ein systematisches Vorgehen des Anspruchsgegners zu beweisen. Dass dies beim Versuch, die Ansprüche in Einzelverfahren durchzusetzen, Kapazitäts- und Kostenbarrieren, somit zusätzliche Hürden beim Zugang zum Recht, aufwirft, liegt auf der Hand. Drittens: zu all dem kommt ein Spezifikum des materiellen Rechts – die häufig drohende Gefahr der Verjährung. Kurze Verjährungsfristen, deren Beginn und manchmal auch Laufzeit mitunter schwierig zu definieren sind, führen vor dem Hintergrund der genannten faktischen und finanziellen Barrieren dazu, dass gerade im unteren Streitwertbereich – also typischer Weise im Bereich der Verbraucherstreitigkeiten – Ansprüche schlicht und einfach nicht geltend gemacht werden, und seien sie auch noch so berechtigt.

Mit genau dieser Analyse kalkulieren – verständlicher- weil rationaler Weise – Anspruchsgegner (in Verbraucherstreitigkeiten sind dies die potenziell haftpflichtigen Unternehmen) und weigern sich daher in der Regel, einen Verjährungsverzicht zu erklären, um etwa im Rahmen eines Musterprozesses die für alle gleichgelagerten Fälle maßgeblichen Fragen zu lösen. Viele Unternehmen lassen es lieber darauf ankommen, ob sie überhaupt geklagt werden.

Freilich hat diese Taktik auch für die Unternehmerseite Nachteile. Unternehmen nehmen dabei in Kauf, dass sie oft über mehrere Jahre hinweg nicht wissen, ob und wenn ja wie viele Ansprüche in welcher Höhe noch gegen sie geltend gemacht werden könnten. Dies erschwert eine verlässliche Bilanzierung. Vor allem aber nehmen die Gegner eines effizienten kollektiven Rechtsschutzes damit in Kauf, dass sich auch Unternehmen, die trotz eindeutig zu Recht bestehender Ansprüche auf eine derartige Hinhaltetaktik setzen – also die sprichwörtlichen „schwarzen Schafe“ – einen unrechtmäßigen Wettbewerbsvorteil gegenüber ihren gesetzestreuen Mitbewerbern verschaffen.

Sammelklage österreichischer Prägung

Vor rund 20 Jahren hat sich der VKI erstmalig der Aufgabe gestellt, dieses eklatante Rechtsschutzdefizit zu mildern. Anlassfall war eine Brechdurchfall-Epidemie in einem all-inclusive-Hotel in der Türkei im Jahr 1999. Binnen weniger Tage erkrankten dort rund 700 Touristen an denselben Symptomen. Der österreichische Reiseveranstalter wies jede Verantwortung des Hotels von sich und spekulierte mit einer Infektion unter den Reisenden. Tatsächlich lag jedoch der Verdacht nahe, dass die plötzlichen und massenhaften Erkrankungen eine zentrale Ursache in der Wasserversorgung oder Speisenzubereitung haben müssten. Die Ansprüche der VerbraucherInnen auf Gewährleistung und Schadenersatz in Einzelprozessen durchzusetzen, wäre für die allermeisten schlicht und einfach nicht möglich gewesen. Damit rechnete der Reiseveranstalter und bot seinen Kunden daher lediglich symbolischen Ersatz in Form eines geringwertigen Gutscheins an.

In dieser Situation entwickelte der VKI zusammen mit dem Prozessfinanzierer FORIS und dem Autor ein Instrument, das in der Folge unter dem Begriff „Sammelklage österreichischer Prägung“ oder „Sammelklage nach österreichischem Recht“ Eingang in die heimische Rechtspraxis fand. Das Konzept basiert auf einer kombinierten Anwendung der ZPO-Bestimmungen über den Musterprozess nach Abtretung an einen klagsbefugten Verband zur gerichtlichen Geltendmachung (damit verbunden: streitwertunabhängiger Zugang zum OGH gem § 502 Abs 5 Z 3 ZPO) und der im Gesetz ausdrücklich vorgesehenen Möglichkeit, immer dann, wenn ein Kläger gegen denselben Beklagten mehrere Ansprüche geltend macht, diese in einer einzigen Klage zu bündeln (sogenannte objektive Klagenhäufung gem § 227 ZPO). Der VKI ließ sich somit nicht bloß einen einzelnen Anspruch abtreten, sondern vielmehr die Ansprüche sämtlicher betroffener Verbraucher, die sich an ihn wandten (konkret waren es im genannten Reiserechtsfall 104 KonsumentInnen), und machte all diese Ansprüche in einer einzigen Klage, der ersten österreichischen „Sammelklage“, gegen den Reiseveranstalter geltend.

Dies hatte die folgenden positiven Effekte: Die Verjährung war für alle eingeklagten Ansprüche rechtzeitig unterbrochen. Die Bündelung führte darüber hinaus zu einem so hohen Streitwert und zu einer – im Vergleich mit einer Geltendmachung in Einzelverfahren – so großen Reduktion der Kosten (Gerichts- und Anwaltsgebühren), dass es dem VKI gelang, einen Prozessfinanzierer (konkret: die FORIS AG) zur Übernahme des Kostenrisikos zu gewinnen. Zudem war die Beweisführung dermaßen erleichtert, dass ein Prozesserfolg in hohem Maße wahrscheinlich erschien. Ergebnis: Noch vor Aufnahme des Beweisverfahrens bot der beklagte Reiseveranstalter dem VKI einen Vergleich an, der den Verbrauchern im Ergebnis, also nach Abzug der Quote des Prozessfinanzierers, 70 % ihrer Ansprüche einbrachte. Noch schöner: Im Jahr darauf sanierte das Hotel die schadhafte Wasserversorgung, die wie vermutet die Ursache der massenhaften Erkrankungen gewesen war.

Allerdings weist die Sammelklage österreichischer Prägung auch empfindliche Defizite auf. So regelt sie von vornherein nur die Ansprüche jener Betroffenen, die sich durch Abtretung an den Sammelkläger aktiv am Verfahren beteiligen (reines „opt in“), während alle anderen potenziellen Ansprüche, auch wenn sie völlig gleichgelagert sind, formell ungeklärt bleiben und auch weiterhin der Gefahr der Verjährung ausgesetzt sind. Die nach wie vor umstrittenen Fragen der Zulässigkeit der Anspruchsbündelung zu Sammelklagen (Stichwort: Sind die Ansprüche gleichartig genug?) und Prozessfinanzierung (Stichwort: quota litis-Verbot) führen bei den meisten Sammelklagsverfahren in der Anfangsphase zu jahrelangen und kostenintensiven Zwischenstreitigkeiten, sodass sich anfängliche Kostenvorteile sogar in eklatante Kostennachteile verkehren können. Vor allem aber führt die zur Bündelung nötige Abtretung der geltend zu machenden Ansprüche an einen Sammelkläger (meist – aber nicht zwingend – eine Verbraucherorganisation) dazu, dass bei ausländischen Beklagten der heimische Klägergerichtsstand für Verbraucher (Art 17 ff Brüssel Ia-VO) verloren geht.

Beispiele für weitere erfolgreiche Sammelklagen

Diese Defizite zeigten sich bei nahezu jeder weiteren Sammelklage, die der VKI, teilweise auch die Bundesarbeitskammer (BAK), seither führten. Zu nennen sind etwa folgende: ein weiterer Reiserechtsfall (im Übrigen die bisher einzige ausjudizierte Sammelklage; praktisch alle anderen konnten für die Konsumenten letztlich vorteilhaft verglichen werden), ein lebensmittelrechtlicher Fall (Listerien-Skandal), der sogenannte Zinsenstreit gegen zahlreiche österreichische Banken wegen unkorrekter Anpassung variabler Kreditzinsen in Verbraucherkreditverträgen (in einem dieser Prozesse erging die Leitentscheidung des OGH zur objektiven Klagenhäufung 4 Ob 116/05w; Kläger: BAK) und zahlreiche Anlegerschadenersatzfälle, etwa die VKI-Sammelklage aus Anlass des WEB-Skandals, die Sammelklagen des VKI gegen den Finanzdienstleister AWD wegen der Fehlberatung bei Immobilienaktien (dort erging die Leitentscheidung zur Prozessfinanzierung 6 Ob 224/12b) oder die VKI-Sammelklagen gegen Banken im Zusammenhang mit geschlossenen Fonds (Schiffs- und Immobilienfonds).

Als Zwischenergebnis lässt sich festhalten: die Sammelklage österreichischer Prägung leistet seit rund 20 Jahren einen unverzichtbaren Beitrag zur Durchsetzung berechtigter massenhaft auftretender Ansprüche, insbesondere von Verbrauchern. Sie ist und bleibt dennoch eine Behelfslösung, die aufgrund ihrer zahlreichen Defizite dringend durch ein modernes kollektives Rechtsschutzinstrument verbessert und ergänzt werden sollte.

Aktuelle Anlassfälle und Ausblick

Anlässe, in Österreich ein solches Instrument zu schaffen, gibt es genug und wird es auch in Zukunft immer wieder geben. Aktuelle Beispiele sind etwa die Ansprüche zigtausender Versicherungsnehmer gegen Versicherungsunternehmen aufgrund des Rücktritts von Lebensversicherungsverträgen, bei denen die Belehrung über das dem Versicherungsnehmer zustehende Rücktrittsrecht nicht den gesetzlichen Erfordernissen entsprach, die Ansprüche von Fremdwährungskreditnehmern gegen Banken aus den Titeln Beraterhaftung, Rücktrittsdurchgriff oder Klauselunwirksamkeit, und zuletzt die Ansprüche der von den VW-Abgasmanipulationen betroffenen Kfz-Besitzer gegenüber dem Hersteller auf Abgeltung der ihnen entstandenen oder noch drohenden Schäden. Topaktuell sind auch die Ansprüche von VerbraucherInnen aufgrund rechtswidriger Verwendung ihrer persönlichen Daten durch Internet-Unternehmen. Es bleibt daher zu hoffen, dass der Gesetzgeber die längst erkannte Notwendigkeit, den derart Betroffenen einen fairen Zugang zum Recht zu verschaffen, zum Anlass nimmt, auch im Bereich des kollektiven Rechtsschutzes nicht nur Lippenbekenntnisse abzulegen, sondern endlich auch Taten zu setzen.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags.

Ausfallhaftungen und AGB-Verbandsklagen – ein Erfolgsmodell

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RA Dr. Stefan Langer (Kosesnik-Wehrle & Langer Rechtsanwälte KG)[1]

In den 25 Jahren, auf die der VKI beim Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ zurückgeblickt hat, hat sich viel getan. Auch das rechtliche Umfeld des Jahres 1992 ist von jenem des Jahres 2017 grundverschieden: Österreich war 1992 noch nicht Mitglied der Europäischen Union. Damals gab es noch keine EU-Richtlinie über missbräuchliche Klauseln, es gab noch kein ausdrücklich gesetzlich festgelegtes Transparenzgebot für Verbraucherverträge, kein gesetzlich geregeltes Abmahnverfahren, die Verbraucherrechterichtlinie war noch weit entfernt. Wohl hatte der österreichische Gesetzgeber schon im Jahr 1979 einige grundsätzliche Gedanken im ABGB und KSchG verankert, die für die Kontrolle der Zulässigkeit von Klauseln in Allgemeinen Geschäftsbedingungen nach wie vor Geltung haben. Seitdem ist gerade durch die europäische Rechtsentwicklung eine starke Regulierung durch diverse Materiengesetze zu beobachten (nicht nur Novellen zum KSchG, sondern zB durch das ZaDiG, VKrG, FAGG).

Ein Bereich, in dem der VKI seit langer Zeit erfolgreich aktiv ist, sind die Musterprozesse oder sogenannten Ausfallhaftungen: Viele Rechtsprobleme sind zwar hochinteressant und betreffen eine Vielzahl von Personen, allerdings führt die Relation zwischen dem Geldbetrag, um den es für den einzelnen Verbraucher geht, zu den Prozesskosten und ebenso der Zeitaufwand, der in die Führung eines Gerichtsverfahrens zu stecken ist, dazu, dass diese Fragen nicht ausjudiziert werden, weil Verbraucher den Weg zu Gericht scheuen. Dazu kommt, dass normalerweise, also ohne Abtretung von Ansprüchen an einen Verbraucherverband nach § 29 KSchG, der Rechtszug an den OGH für Streitwerte unter Euro 5.000 von einigen Ausnahmen abgesehen jedenfalls ausgeschlossen ist. Aufgrund des Entfalls dieser Rechtsmittelbeschränkungen in Verfahren mit Abtretung von Ansprüchen an den VKI wurden viele Fragen in Einzelprozessen geklärt, die sonst aufgrund dieses Unterschreitens von Streitwertgrenzen nicht zum OGH gekommen wären. Ein Extrembeispiel aus der Tätigkeit des VKI war ein Verfahren gegen eine Bank wegen einer missbräuchlichen Bankomatabhebung, in dem es um ATS 10.000, nunmehr Euro 726 ging, das bis zum Urteil des OGH 10 Jahre anhängig war und allein auf Seiten des VKI Verfahrenskosten von rund Euro 20.000 (davon rund Euro 14.000 für diverse Sachverständigengebühren) verschlang, also rund das Dreißigfache des Streitwertes! Kein Verbraucher hätte sich dieses Verfahren geleistet, keine Rechtsschutzversicherung hätte das Verfahren gedeckt.

In 25 Jahren haben die Verbandsklagen des VKI gegen unzulässige Geschäftsbedingungen sehr viel zur Entwicklung des AGB-Rechtes durch die Überprüfung von Geschäftsbedingungen in den verschiedensten Branchen beigetragen, bei großen Unternehmen wie Banken und Versicherungen ebenso wie bei diversen kleineren Unternehmen. Es waren vor 25 Jahren bisweilen noch brancheneinheitlich verwendete Allgemeine Geschäftsbedingungen in Gebrauch, die Klauseln enthalten haben, deren Verwendung große Unternehmen heute nicht einmal mehr andenken würden, weil ihre Unzulässigkeit augenscheinlich ist. Der Standpunkt bestimmt bisweilen die Perspektive, aber ich denke, die Tätigkeit des VKI hat auch in diesem Bereich schlicht zu einer Anhebung der Rechtskultur geführt.

Die Bedeutung der AGB-Kontrolle für den Rechtsverkehr ist nicht zu unterschätzen: Wer AGB in seinen Verträgen verwendet, erlangt dadurch erhebliche Macht, was die inhaltliche Gestaltung des Vertrages betrifft. Oft haben solche Geschäftsbedingungen viele Seiten und versuchen jedes noch so unwesentliche Detail des Vertrages zu regeln. Allgemeine Geschäftsbedingungen sind umfangreich, kompliziert und für normal denkende Menschen sehr langweilig! Es wäre auch unrealistisch anzunehmen, dass Verbraucher vom Zeitaufwand und in rechtlicher Hinsicht in der Lage wären, die ihnen vorgelegten AGB zu überprüfen. Jeder kennt diese Situation aus seinem eigenen Leben: Wer online Produkte oder Dienstleistungen bestellt und das Kästchen anhaken soll, die AGB gelesen zu haben und diesen zuzustimmen, wird kaum einmal Lust haben, seitenlange Vertragswerke für ein Alltagsgeschäft durchzusehen. Diese Macht des AGB-Verwenders bedarf genauer juristischer Kontrolle durch die Gerichte. Der Rechtsverkehr kann insgesamt nur funktionieren, wenn sich alle Teile darauf verlassen können, dass AGB oder Vertragsformblätter nicht dazu missbraucht werden, unfaire Inhalte in die Verträge einfließen zu lassen oder jedenfalls im Streitfall solche Klauseln eliminiert werden und unangewendet bleiben. Zeit ist Geld und soll nicht dazu verwendet werden müssen, bei jedem der vielen Vertragsschlüsse, die wir alle in unserer Eigenschaft als Verbraucher – und Verbraucher sind wir alle – tätigen, laufend die AGB unserer Vertragspartner durchsehen und prüfen oder in den meisten Fällen prüfen lassen zu müssen. Daran, dass rechtswidrige Klauseln auf dem Markt keine Chance haben sollen, haben nicht nur Verbraucher Interesse, sondern auch jene Unternehmer, die eben keine rechtswidrigen Klauseln verwenden. Die Eliminierung unzulässiger Vertragsklauseln in AGB infolge von Verbandsklagen des VKI hat hier hohe Bedeutung.

Nicht nur in Österreich, sondern durch zahlreiche Vorabentscheidungsverfahren, die österreichische Gerichte aufgrund von Verbandsklagen des VKI eingeleitet und den EuGH um die Auslegung europäischen Rechtes ersucht haben, hat der VKI in den letzten 25 Jahren bereits viel zur Rechtsentwicklung für den gesamten europäischen Binnenmarkt beigetragen. Beginnend mit dem ersten Vorabentscheidungsverfahren in den Jahren 1997/1998 zur Frage, ob Pauschalreisende, die in einem Hotel an der Abreise gehindert werden, weil der insolvent gewordene Reiseveranstalter an den Hotelbetreiber nicht bezahlt hatte, Anspruch auf Ersatz ihrer nochmaligen Zahlung aus der Reise Insolvenzversicherung haben, über das Urteil Henkel im Jahr 2001 über die Voraussetzungen der internationalen Zuständigkeit österreichischer Gerichte für Verbandsklagen gegen ausländische Unternehmer, die Klärung der Unzulässigkeit sogenannter Zahlscheinentgelte in Verfahren gegen Mobiltelefoniebetreiber durch den EuGH im Jahre 2014, das Urteil des Jahres 2016 über die Anwendbarkeit der Informationspflichten für Verbraucherkredite für Ratenvereinbarungen, die von Inkassobüros geschlossen werden, das Urteil aus dem Jahr 2017 über die Voraussetzungen der Kommunikation im Electronic Banking bis zur Amazon-Entscheidung des EuGH im Jahr 2016, die große Bedeutung für Verbrauchergeschäfte im internationalen Rechtsverkehr erlangt und letztlich Anfang dieses Jahres zu einem für den VKI sehr erfreulichen Urteil des OGH geführt hat. Die Entscheidungssammlung des EuGH weist mittlerweile eine Vielzahl von Urteilen aus, die Verein für Konsumenteninformation im Titel tragen. Ich habe es statistisch nicht nachgeprüft, aber ich denke, dass kaum eine andere europäische Verbraucherorganisation in diesem Bereich dermaßen oft vor dem EuGH Verfahren geführt hat.

Aus Luxemburg kam vor einigen Jahren auch ein anderer wesentlicher Impuls für die Beurteilung von Geschäftsbedingungen: Urteile des EuGH in Verfahren über Verbraucherverträge und rechtswidrige Klauseln, die sich in solchen Verträgen befinden, haben zu einem radikalen Umdenken bei der Gestaltung von AGB geführt: Gerade durch die Judikatur, die auf die sogenannte Banesto-Entscheidung des EuGH aus dem Jahr 2012 zurückgeht, ist klargestellt, dass eine rechtswidrige Klausel in Verbraucherverträgen zur Gänze zu entfallen hat und nicht auf ein gerade noch zulässiges Maß reduziert wird, wie dies nach früherer österreichischer Rechtsprechung zu Einzelverträgen der Fall war. Es gilt also nicht mehr das Prinzip „nutzt es nicht, schadet es auch nicht“, wie die Herangehensweise vieler AGB-Verwender nach der früheren Rechtsprechung war, die in Einzelverträgen unzulässige Vertragsbestimmungen geltungserhaltend reduziert, also stattdessen jene Regelung angewandt haben, die gerade noch zulässig hätte vereinbart werden dürfen. Wer als Unternehmer bei der Gestaltung seiner AGB jetzt über das Ziel hinausschießt, muss nunmehr damit rechnen, dass seine Klausel im Streitfall gänzlich unangewendet bleibt.

Das Thema der AGB-Kontrolle hört nie auf: AGB sind sehr vielfältig und decken die gesamte Palette des Lebens in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht ab. Der Kreativität, was die Neugestaltung von problematischen AGB-Klauseln betrifft, sind keine Grenzen gesetzt. Und dazu ist einerseits ist der Gesetzgeber, und zwar sowohl der europäische als auch der nationale Gesetzgeber, rege und beeinflusst die zulässige Gestaltung von Geschäftsbedingungen durch immer neue Verordnungen, Richtlinien oder Bundesgesetze. Es ist davon auszugehen, dass dieses Thema auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vielfältig und spannend bleibt und die Bedeutung der Kontrolle von allgemeinen Geschäftsbedingungen durch die Gerichte in von wirksam arbeitenden Verbraucherschutzorganisationen eingeleiteten Verfahren eher zunehmen als abnehmen wird.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags.

Eröffnung: 25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung

Sektionschefin Dr. Maria Reiffenstein (BMASGK)[1]

Übersicht und Entwicklung

  • Das 1979 in Kraft getretene KSchG sah neben materiell-rechtlichen Schutzbestimmungen auch Maßnahmen zur Rechtsdurchsetzung in Form einer Verbandsklagsbefugnis für ausgewählte Verbände Diese Klagsbefugnis war auf Unterlassung unzulässiger AGB gerichtet und orientierte sich am UWG, aber erkennbar auch am deutschen Recht.
  • Diese Verbandsklagsbefugnis des KSchG wurde vorerst kaum genutzt. Dies hatte beim VKI va Ressourcengründe. So gab es vor 1992 kaum Judikatur zu verbraucherrechtlichen Fragestellungen. Der VKI führte nur gelegentlich Musterprozesse, die vom Konsumentenschutzressort finanziert wurden.
  • Im Jahr 1992 wurde auf Initiative des damaligen Gruppenleiters Gottfried Mayer und des damaligen Abteilungsleiters Hans-Peter Lehofer gemeinsam mit Peter Kolba, Leiter der damals erst im Aufbau befindlichen Rechtsabteilung das Klagsprojekt begründet. Das Konsumentenschutzressort stellte die dafür erforderlichen finanziellen Mittel (für die Auswahl und Betreuung der Verfahren und das damit einhergehende Prozesskostenrisiko) zur Verfügung.
  • Ziel war die Förderung der individuellen und kollektiven Rechtsdurchsetzung, aber auch der Rechtsentwicklung.
  • Das Klagsprojekt erwies sich bereits in den ersten Jahren als äußerst erfolgreich: Dies war ua darin begründet, dass vorerst massive und evidente Rechtsverstöße Gegenstand der Verfahren waren. Im Bereich der Musterprozesse etwa Verstöße gegen die Rücktrittsbelehrung beim Haustürgeschäft oder stillschweigende Verlängerungen von Abo-Verträgen bzw bei Verbandsklagen Verstöße gegen Gewährleistungsrecht bzw Schadenersatzrecht. Verbandsklagen endeten idR sofort nach Klagseinbringung durch Submissionsvergleich.
  • Früh gab es daher im Bereich der Verbandsklagen Überlegungen, der Klage ein außergerichtliches Abmahnverfahren Vorbild war Deutschland, wo seit 1977 Abmahnverfahren erfolgreich durchgeführt wurden. Die mit einem erfolglosen Abmahnverfahren verbundene Unsicherheit, ob die Wiederholungsgefahr bei nachfolgender Verbandsklage aufrecht ist, wurde mit der KSchG-Novelle 1997 legistisch gelöst. Seitdem wird den AGB-Verbandsklagen in aller Regel ein Abmahnverfahren vorangestellt. Das Abmahnverfahren wurde binnen kurzer Zeit sehr gut angenommen (im ersten Jahr der Anwendung wurden bereits 70 % auf diese Weise beendet, in den letzten Jahren sank diese Zahl auf ca 50%).
  • Im Bereich der Musterprozesse erwies sich die im Jahr 1983 in § 55 JN eingeführte Privilegierung der nach § 29 KSchG klagsbefugten Verbände als äußerst hilfreich. Bei Abtretung des Geld-Anspruches an den Verband war der Rechtszug zum OGHstreitwertunabhängig – bei relevanten Rechtsfragen möglich. Damit konnte auch bei geringen Streitwerten Judikatur des Oberstgerichtes erzielt werden und eine einheitliche Rechtsprechung sichergestellt werden. Die Erstreckung der Privilegierung durch die Zivilverfahrens-Novelle 2004 auf alle abtretbaren Ansprüche ermöglichte etwa auch Feststellungsklagen.
  • Die RL Unterlassungsklagen 98/27/EG war ein weiterer Meilenstein zur kollektiven Rechtsdurchsetzung: Sie etablierte europaweit das Instrument der Unterlassungklagen und sicherte zudem grenzüberschreitende Verbandsklagen. Zudem wurden auch Verstöße gegen EU-Recht außerhalb von AGB und rechtswidrige Praktiken Die RL wurde mit dem Fernabsatzgesetz umgesetzt; die Regelungen sind mit 1.1.2001 in Kraft getreten.
  • Das Klagsprojekt wurde idF um diese neuen Klagsbefugnisse erweitert und das Ressort stellte in den kommenden Jahren dafür vermehrt finanzielle Mittel zur Verfügung. Im Rahmen des Klagsprojektes werden jährlich ca 240 Verfahren – je zur Hälfte Musterverfahren und zur Hälfte Verbandsklagen bzw Abmahnungen geführt.
  • Erfolgsquote der Verfahren  liegt in den letzten Jahren bei ca 90%. Dabei ist zu berücksichtigen, dass nach anfänglicher Fokussierung auf evidente Verstöße zunehmend auch ungeklärte Rechtsfragen an die Gerichte herangetragen wurden. Auf diese Weise konnte umfangreiche Rechtsfortbildung durch Judikatur erzielt werden. Dass die Erfolgsquote der geführten Verfahren in den letzten Jahren dennoch bei ca 90 % liegt, ist der sorgfältigen Auswahl und Verfahrensführung durch das gesamte Team der Rechtsabteilung des VKI zu verdanken.
  • An dieser Stelle möchte ich aber auch auf die jahre- bzw jahrzehntelange gedeihliche Zusammenarbeit mit den ausgewählten Vertragsanwälten des VKI verweisen, deren verbraucherpolitisches Engagement und umsichtige Verfahrensführung sehr zum Erfolg dieses Projektes beigetragen haben und beitragen. Ich möchte hier namentlich Herrn Dr. Heinz Kosesnik-Wehrle erwähnen, der als Rechtsanwalt der ersten Stunde dieses Klagsprojekt „mit aus der Taufe gehoben hat“. Drei für das Klagsprojekt bis heute ganz wesentliche Anwälte referieren heute, einige weitere sitzen im Publikum. Ihnen allen herzlichen Dank.

Judikatur zur Klagsbefugnis

Die Höchstgerichte waren mehrmals mit grundsätzlichen Fragen der Klagsbefugnis des VKI befasst:

Der VfGH hatte sich mit Fragen der Zulässigkeit der Verbands-Musterklage bzw der Verbandsklage zu beschäftigen:

  • 1994 stand die im Jahr 1983 etablierte Muster-Verbandsklage auf dem Prüfstand. Diese räumte den in § 29 KSchG genannten Verbänden eine streitwertunabhängige Anrufung des OGH ein. Die sachliche Rechtfertigung dieser Privilegierung begründete der VfGH mit  den überindividuellen Interessen an einer oberstgerichtlichen Rechtsprechung zu Rechtsfragen von allgemeiner Bedeutung (VfGH G126/93)
  • Im Jahr 2016 wurde die Befugnis zur Veröffentlichung eines Urteils aufgrund einer Verbandsklage nach § 30 KSchG vom VfGH einer Prüfung unterzogen. Der VfGH sah in der Befugnis zur Veröffentlichung des Urteils eine Effektuierung des Zwecks der Verbandsklage. Die angefochtenen Bestimmungen dienen demnach dem Konsumentenschutz und liegen somit im öffentlichen Interesse. Sie sind zur Zielerreichung geeignet, adäquat und auch sonst sachlich gerechtfertigt. (VfGH G346/2016)

Der OGH setzte sich mit der Zulässigkeit der „Sammelklage nach österreichischem Recht“ sowie deren Rahmenbedingungen iZm Sammelklagen des VKI auseinander und entschied im Sinne des Konsumentenschutzes:

  • Die als Weiterentwicklung der Verband-Musterklage anzusehende Klagshäufung ist lt OGH gesetzeskonform, wenn im Wesentlichen gleiche Fragen tatsächlicher oder rechtlicher Natur zu lösen sind, die die Hauptfrage oder eine ganz maßgebliche Vorfrage aller Ansprüche betreffen (3 Ob 275/04v).
  • In einem Anleger-Sammelklagsverfahren wurde die Klagslegitimation des VKI vom Beklagten in Abrede gestellt mit der Begründung, die Prozesskostenfinanzierung durch einen externen Dritten verstoße gegen das quota litis-Prinzip, was die Nichtigkeit der Abtretung der Ansprüche an den VKI zur Folge habe. Dem hielt der OGH entgegen, dass die quota-litis-Regelung dem Mandantenschutz und dem Schutz der Standesehre, nicht jedoch dem Schutz des Prozessgegners Selbst ein allfälliger Verstoß dagegen könne nur von den Verbrauchern, nicht jedoch vom Prozessgegner geltend gemacht werden (6 Ob 224/12b).

Auswirkungen der Klagstätigkeit auf die Legistik

Verfahren, die der VKI im Rahmen des Klagsprojektes geführt hat haben unabhängig vom Verfahrensausgang Auswirkungen auf die Legistik der letzten Jahre gehabt. Aber es wurden auch verbraucherrechtliche Lücken in der Rechtsordnung evident, die eine Klagsführung verhinderten.

Einige Beispiele:

  • Der Verbraucherbegriff in § 1 KSchG war strittig und konnte in einem Verfahren zugunsten der Verbraucher geklärt werden: Anlass war eine „Keilergruppe“, die auf Einkaufsstraßen Verträge über den Beitritt zu einer Tierschutzorganisation abschloss. Die Mitgliedschaft zu ideellen Vereinen wurde unter bestimmten Umständen von der Judikatur dem Verbrauchervertrag unterstellt. Diese Klarstellung wurde gesetzlich in § 1 KSchG verankert.
  • Irreführende Gewinnzusagen „überschwemmten“ eine Zeit lang den Markt. Verbraucher erlitten Schäden durch Investitionen in die Abholung des vermeintlichen Gewinnes. Verbandsklagen gem § 14 UWG waren erfolgreich, führten aber nicht zu einem Ende der Irreführung – die Methoden wurden laufend geändert. 1999 stellte § 5j KSchG (heute § 5c) sicher, dass derartige Zusagen idF erstmals einklagbar waren. § 5j wurde zur vielleicht am häufigsten geprüften Norm, nicht nur vom OGH, sondern auch vom VfGH und hinlässlich der Frage des Gerichtsstands nicht nur einmal vor dem EuGH.
  • Inkassobüros verhielten Schuldner zu Anerkenntnissen über ungeklärte Beträge. Nach Berufung auf die Intransparenz derartiger Verträge wurde 1997 ein spezielles Aufschlüsselungsgebot in § 6 Abs 1 Z 15 KSchG eingeführt.
  • Eine Verbandsklage zu einer Zinsanpassungsklausel präzisierte die Voraussetzungen der in § 6 Abs 1 Z 5 KSchG normierten Voraussetzungen. Das von der Judikatur vorgegebenen Prinzip der Zweiseitigkeit wurde idF mit der Novelle 1997 festgeschrieben.

Nicht nur Klagsführungen durch Verbraucherverbände, sondern auch andere Individualverfahren im Interesse des Konsumentenschutzes führten zur Weiterentwicklung des KSchG:

  • Die Ersatzfähigkeit entgangener Urlaubsfreuden war nach einer Entscheidung des EuGH in einem österreichischen Rechtsstreit zugesprochen worden und führte 2003 zu einer Adaptierungen des § 31e KSchG.
  • Die Haftung einkommensloser Familienangehörigen für hohe Verbraucherkredite wurde von der Judikatur als sittenwidrig und nichtig erkannt. Dies führte 1997 zum Minderungsrecht des Gerichtes bis auf Null nach 25d KSchG.

Anmerkung: Mittlerweile gibt es – nicht zuletzt wegen der Klagstätigkeit von Verbraucherverbänden in mehreren Mitgliedstaatenumfängliche Judikatur des EuGH zu verbraucherrechtlichen Fragestellungen in vielen Bereichen.

Rechtspolitische Diskussion zu Fragen der Rechtsdurchsetzung

  • Seit vielen Jahren werden national, aber auch auf europäischer Ebene Regelungen zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung bei potentieller Schädigung einer Vielzahl von VerbraucherInnen diskutiert. Die wesentlichen Hindernisse der individuellen Rechtsdurchsetzung sind evident: das Prozesskostenrisiko der Verfahrensführung übersteigt gerade bei Verbraucherstreitigkeiten oft den Streitwert.
  • Es würde daher naheliegen, dass VerbraucherInnen erst nach Musterentscheidungen der Gerichte klagen oder versuchen außergerichtlich einen Vergleich zu erwirken. Das Abwarten des Verfahrensergebnisses ist jedoch vielfach durch den zwischenzeitlichen Eintritt der Verjährung nicht möglich.
  • Gleiches gilt auch für den Fall, dass eine Verbraucherschutzorganisation eine erfolgreiche Verbandsklage führt: Das Ergebnis hat keine Auswirkung auf die laufende Verjährung individueller Ansprüche und darüber hinaus auch keine unmittelbare Wirkung auf KonsumentInnen.
  • Es bleibt daher die Frage, wie Massenverfahren sowohl kostengünstig als auch für die Gerichte ressourcenschonend geführt werden können.
  • 2 aktuelle Initiativanträge befassen sich mit diesen Fragen und Maßnahmen zur effektiven, leistbaren und prozessökonomischen Rechtsdurchsetzung bei Massenschäden.
  • Musterverfahren – ein klagsbefugter Verband führt ein als Musterverfahren bezeichnetes Verfahren, das Fragen betrifft, die potentiell eine Vielzahl von VerbraucherInnen betreffen: alle Verjährungsansprüche potentiell Betroffener werden gehemmt.
  • Musterfeststellungsverfahren: ein Verband führt ein Verfahren auf eigenes Risiko – potentiell Betroffene können sich – ohne Anmeldung im Verfahren – auf das Verfahrensergebnis berufen (opt-out-Prinzip).
  • Alternative: Gruppenverfahren: Eine Gruppe bringt Klage ein – alle Geschädigten mit vergleichbaren Ansprüchen können sich der Klage binnen Frist anschließen (opt-in-Prinzip).

Abschließend möchte ich erwähnen, dass die Europäische Kommission am 11.4.2018 iZm dem sog „New Deal for Consumers“ Richtlinienvorschläge vorlegen wird, die auch zum sehr kontroversiell diskutierten Thema kollektiver Rechtsschutz Vorschläge enthalten werden, möglicherweise einen Beseitigungsanspruch und eine Rechtsfolgenerstreckung von Verbandsklagsurteilen.

Selbstverständlich steht der VKI den Anliegen des kollektiven Rechtsschutzes sehr positiv gegenüber.

Die BReg hat die Probleme zu erkennen und ausgewogene Lösungen auszuarbeiten, die die Interessen der gesamten Bevölkerung und des Wirtschaftsstandortes miteinbeziehen.

Ich wünsche der heutigen Veranstaltung gutes Gelingen und freue mich auf spannende Beiträge und Diskussionen.

[1] Schriftliche Fassung der beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Eröffnungsworte.

 

 

25 Jahre Klagen: Erfolge, Entwicklungen und Impulse

Hirmke

Mag. Thomas Hirmke (Leiter Bereich Recht, VKI)[1]

Wenn man auf die Klagstätigkeit des VKI blickt, betrachtet man eine Erfolgsgeschichte mit zahlreichen grundlegenden Urteilen in den verschiedensten Bereichen des Verbraucherrechts.

Diese Erfolgsgeschichte begann 1992 mit den ersten Klagen im Auftrag des damaligen BM für Gesundheit, Sport und Konsumentenschutz. Seit damals war der Konsumentenschutz in verschiedenen Bundesministerien beheimatet. Gleich blieb die Unterstützung für die Klagstätigkeit des VKI. Ohne diese Unterstützung wäre die Erfolgsgeschichte nicht möglich gewesen.

Neben der Beauftragung durch das jeweils für Konsumentenschutz zuständige Bundesministerium gab und gibt es auch Aufträge durch andere Institutionen, vor allem von Arbeiterkammern. Diese Aufträge betreffen wesentliche Problemfelder im Verbraucherrecht, etwa das Thema Negativzinsen oder den Rücktritt von Lebensversicherungen wegen einer fehlerhaften Rücktrittsbelehrung (vgl 7 Ob 107/15h VbR 2015/131).

Die Klagen des VKI verbessern den Zugang zum Recht: Schon 1992 und auch heute war und ist der Standard bei den materiellen Verbraucherrechten gut. Es gibt bei einem mangelhaften Produkt Gewährleistungspflichten, bei fehlerhafter Beratung Anspruch, den Schaden ersetzt zu bekommen, den man im Vertrauen auf eine fehlerhafte Beratung erlitten hat, und Unternehmer können etwa im Zahlungsverkehr Gebühren nur in einem engen Rahmen verrechnen.

Alle Rechte sind aber nur dann wirklich etwas wert, wenn man sie realistischerweise auch bei Gericht durchsetzen kann. Und die Erfahrung des VKI ist leider, dass die Rechtsdurchsetzung hinter den guten materiell vorgesehenen Verbraucherrechten hinterherhinkt.

Das liegt einerseits am Prozesskostenrisiko, das gerade bei kleinen Streitwerten ein Vielfaches des eigentlichen Streitwertes ausmacht. Die Masse der Verbraucherbeschwerden bezieht sich auf derart kleine Streitwerte, also Streitwerte unter € 5.000. Und es liegt andererseits am Ausgeliefert sein, wenn man als kleiner Verbraucher mit Geschäftsbedingungen und Marktpraktiken von weit marktmächtigeren Unternehmern konfontiert ist.

Hier greift die Klagstätigkeit des VKI ein: Der VKI führt Verfahren, die der Marktkontrolle dienen, wenn Abmahnungen und Verbandsklagen zu potentiell gesetzwidrigen Geschäftsbedingungen, irreführenden Werbungen oder gesetzwidrigen Praktiken geführt werden.

Der VKI führt Klagen auch vor allem um unklare Rechtsfragen zu klären bzw Fragen, die viele KonsumentInnen betreffen oder bei denen es Missstände bzw eine verbraucherfeindliche Praxis gibt. Dabei trägt der VKI ganz wesentlich zum Schutz der Kollektivinteressen der Verbraucher bei (dies im Lichte der Vorgaben der Unterlassungsklagen-RL 2009/22/EG).

Derartige Fragestellungen ergeben sich oftmals im Zusammenhang mit neuen Regelungen, des europäischen Gesetzgebers, wie etwa zum ZaDiG, zum VKrG, zum VRUG und FAGG bzw aktuell zum WAG 2018 und zur IDD-Umsetzung.

Bei der Klärung von Rechtsfragen ist es immer wieder erforderlich gewesen, den Europäischen Gerichtshof (EuGH) anzurufen, etwa zu folgenden Themen:

  • Karthago-Reisen: Die im Jahr 1995 von griechischen Hoteliers den Kunden der insolventen Firma Karthago Reisen GmbH abgenötigten nochmaligen Zahlungen für Aufenthaltskosten sind vom Geltungsbereich des Art 7 Pauschalreise-Richtlinie umfasst. Reisende haben Anspruch darauf, ihre Zahlung an den Reiseveranstalter erstattet zu bekommen (EuGH 14.5.1998, C-364/96 – VKI/Österreichische Kreditversicherungs- AG).
  • Bei einer Gewinnzusage handelt es sich um einen Anspruch aus einem Verbrauchervertrag: EuGH zum Gerichtsstand zur Einklagung von Ansprüchen aus dem per 1.10.1999 eingeführten § 5j KSchG (EuGH 11.7.2002, C-96/00 – Gabriel/Schlank & Schick).
  • Die Einhebung von Zusatzentgelten für Bezahlung von Rechnungen per Zahlschein oder Onlinebanking darf gesetzlich verboten werden (EuGH 9.4.2014, C-616/11 – VKI/T-Mobile, VbR 2014/44).
  • Amazon: Rechtswahlklausel gesetzwidrig, zwingende gesetzlichen Bestimmungen des Verbraucherstaatrechts anwendbar (EuGH 28.7.2016, C-191/15 – VKI/Amazon, VbR 2016/97).
  • Beim Onlinebanking reicht eine Information über die E-Banking Mailbox nicht aus. (EuGH 25.1.2017, C-375/15 – VKI/Bawag PSK, VbR 2017/43).

Letztlich hat die Klagstätigkeit des VKI auch eine generalpräventive Wirkung. Wer sich nicht an Gesetze hält, muss damit rechnen, belangt zu werden. Damit werden aber auch jene Unternehmer geschützt, die sich an gesetzliche Vorgaben halten wollen, dies im Wettbewerb aber ohne eine derartige Marktkontrolle nicht umsetzen können.

Der VKI gehört mit all diesen Verfahren und mit seinen Aktionen zu Massenschäden mittlerweile seit Jahren zu den führenden Verbraucherorganisationen in Europa.

Dabei ist es auch für den VKI immer wieder ein Kampf David gegen Goliath. Dieses Bild beschreibt oftmals das Kräfteverhältnis zwischen VKI und großen Konzernen bzw das Kräfteverhältnis bei Auseinandersetzungen mit ganzen Branchen.

Möglicherweise gerade deswegen wird der VKI stark mit dem Begriff Gerechtigkeit identifiziert. So wurde bei einer Umfrage 2011 der 1. Platz erreicht bei der Frage „Welche Organisationen sorgen für Gerechtigkeit in Österreich“.

Die Klagstätigkeit des VKI betrifft viele Themenbereiche, denn das Verbraucherrecht ist eine typische Querschnittsmaterie. Es geht einerseits um allgemeine zivilrechtliche Fragen wie etwa um Gewährleistung und Schadenersatz, Bindungsfristen, Vertragsverlängerungen, Änderungsmöglichkeiten (Stichwort Erklärungsfiktion). Hinzu kommen Sonderfragen in einzelnen Rechtsgebieten:

  • Reiserecht (entgangene Urlaubsfreude, Rücktritt bei Gefahrenlagen, Kerosinpreiserhöhungen)
  • Telekommunikation (automatische Umstellung auf elektronische Rechnung, Verhältnis des § 25 Abs 3 TKG zum KSchG, Änderungsrechte)
  • Energierecht (Preisanpassung),
  • Banken (betreffend Haftung bei Kartenmissbrauch, Vorfälligkeitsgebühr)
  • Versicherungen (Dauerrabatt, Rückkaufswerte bei Lebensversicherungen und Rücktrittsrechte wegen fehlerhafter Belehrung, Fragen zu einzelnen Versicherungssparten)
  • sonstige Finanzdienstleistungen
  • Heimverträge (Preisänderungen, Entgelt bei Abwesenheiten)
  • Produkhaftung (keine Haftung für plötzlich auftretende Stromschwankungen)
  • Wohnrecht (Ausmalklausel, Erhaltungspflichten bei Thermen; Weitergabepflicht bei Bauskonti),
  • unlauterer Wettbewerb
  • Gewinnzusagen
  • Inkassokosten, etc.

Die Finanzkrise seit 2008 hat massive Probleme im Zusammenhang mit der Risikoträchtigkeit, dem Vetrieb und der Ausgestaltung von diversen Finanzprodukten zu Tage gefördert. Oftmals wurde mit Sicherheit geworben, tatsächlich haben sich Milliardenschäden ergeben, etwa bei Immobilienaktien, diversen Zertifikaten (zB MEL), AvW, geschlossenen Fonds, Fremdwährungskrediten, etc.

Ganz abgesehen von der Finanzkrise sind Finanzprodukte und Finanzdienstleistungen seit gut 15 Jahren ein Schwerpunktthema des VKI gewesen, etwa in folgenden Fällen:

  • AGB der Banken allgemein
  • Kreditzinsen (Altkredite, Aufrundungsspirale, einfache Aufrundung, Negativzinsen)
  • Sparzinsen
  • Lebensversicherungen (Intransparente Rückkaufswerte, Rücktritt)
  • falsche Angaben von Effektivzinssätzen

In diesem weiten Feld der verschiedensten verbraucherrechtlichen Themen hat der VKI im Auftrag des für Konsumentenschutz jeweils zuständigen Ministeriums 1380 Musterverfahren, 1870 Verbandsverfahren, rund 30 Sammelklagen und mehr als 30 Sammelaktionen geführt. Hinzu kommen die Klagen für andere Auftraggeber.

Die Erfolgsquote bei den vom VKI geführten Verfahren liegt über den Zeitraum der letzten 25 Jahre bei einem Wert von über 80 %, in den letzten Jahren sogar bei etwa 90 %.

Wenn man die möglichen Folgewirkungen der einzelnen Klagsmöglichkeiten betrachtet, zeigen sich wesentliche Unterschiede:

Sind Musterverfahren erfolgreich, wirken diese zunächst für diesen Fall. Je nachdem wie die Verjährungssituation gelagert ist und wie sich der beklagte Unternehmer verhält, kann aber auch ein einzelnes Musterverfahren einen Massenschaden bereinigen.

Beispiel: In einem Musterprozess gegen die Wiener Linien wurde ein geringer Betrag von rund 30 Euro im Zusammenhang mit einer aus Sicht des VKI unzulässigen Preiserhöhung geltend gemacht. Nach erfolgreichem Gang zu Gericht waren die Wiener Linein bereit, freiwillig rund € 2,2 Mio an 120.000 Betroffene zurückzuzahlen.

Demgegenüber zeigt das Beipiel Zahlscheingebühr, dass ein erfolgreich gewonnenes Verfahren nur eine beschränkte Wirklung entfaltet: Beim strittigen Betrag handelte es sich nur um wenige Euro. In der Masse – bei millionenfacher Verrechnung über Jahre hinweg – kommen allerdings Millionenbeträge zusammen. Der VKI konnte in Folge des gewonnenen Gerichtsverfahrens zwar für rund 7000 KonsumentInnen in einer Sammelaktion eine Rückzahlung durchsetzen. Millionenfach verbliebt der Unrechtsgewinn aber bei den Unternehmern.

Verbandsklagen führen im Erfolgsfall dazu, dass das Unternehmen für die Zukunft zur Unterlassung verpflichtet ist, bei AGB-Klauseln kommt das Verbot hinzu, sich auf diese Klauseln zu berufen.

Die Verbandsklagen zum Thema Aufrundungsspirale haben im Ergebnis auf Grund des Verbots sich auf die Klauseln zu berufen dazu geführt, dass die betroffenen Banken – jedenfalls bei laufenden Krediten – den Kreditsaldo richtig stellen mussten und damit die zu Unrecht lukrierten Beträge refundieren mussten. Andernfalls wären sie in Gefahr gelaufen, gegen den Unterlassungstitel zu verstoßen.

Schließlich ist der VKI seit dem Jahr 2000 in vielen Fällen mit Sammelklagen vorgegangen. Unternehmer müssen daher damit rechnen, dass sie bei Massenschäden dem Risiko einer Sammelklage ausgesetzt sind.

Dies führt ingesamt dazu, dass auf Grund teilweise funktionierender Durchsetzungsmechanismen Konflikte manchmal auch außergerichtlich gelöst werden können. Das jüngste Beispiel betrifft die Problematik um die Rücktrittsrechte bei Lebensversicherungen, wo mit über 90 % der österr Versicherungswirtschaft letztlich eine gute Lösung gefunden werden konnte und daher weitgehend keine Sammelklagen erforderlich waren.

Wenn man den Erfolg der Klagstätigkeit wirtschaftlich betrachtet, muss man zunächst berücksichtigen, dass sich ein „Wert“ einer Verbandsklage zu AGB Klauseln, irreführender Werbung oder gesetzwidrigen Praktiken oftmals nicht mit Geld bewerten lässt. Nur im Zusammenhang mit dem Thema Negativzinsen kann man den Erfolg der dazu insgesamt 4 Verbandsklagen mit einem Wert von € 400 bis 500 Mio Euro angeben.

Erfolge in Musterprozessen, wo also konkrete Ansprüche einzelner Verbraucher geltend gemacht werden, muss man realistischerweise mit einem Faktor von zumindest 100 bewerten, weil die Ergebnisse weitreichende Folgen haben, mitunter sind ja tausende oder Millionen Verbraucher betroffen.

Berücksichtigt man die Ergebnisse der Sammelaktionen und Sammelklagen des VKI mit einerm Wert von etwa 250 Mio Euro, kommt man insgesamt auf einen Wert der Klagstätigkeit des VKI seit 1992 von weit mehr als einer Milliarde Euro.

Eine wesentliche Aufgabe des VKI liegt auch in der Aufbereitung der Informationen über Urteile, aktuelle Problemlagen, mögliche Hilfestellungen. Diese Aufbereitung erfolgt in verschiedener Art und Weise und vor allem auch differenziert im Hinblick auf verschiedene Zielgruppen: Einerseits sollen betroffenene KonsumentInnen aufgeklärt werden, andererseits sollen auch Konsumentenberater, Journalisten und Anwälte serviciert werden.

Demgemäß gibt es unterschiedliche Informationskanäle:

  • Seit 1993 wurde die Konsumentenrechtliche Entscheidungssammlung (KRES) herausgegeben.
  • Seit 1998 gibt es das Verbraucherrechts-Info, eine Kurzinformation zu aktuellen Urteilen und Entwicklungen (VR-Info)
  • Seit 2004 wird die Website verbraucherrecht.at betreut.
  • Seit 2013 gibt es die Zeitschrift für Verbraucherrecht (VbR).

In der 25 jährigen Klagstätigkeit hat sich gezeigt, dass es einige wesentliche Defzite bei den vorliegenden Instrumenten der Rechtsdurchsetzung gibt:

  • Die Verjährungsregelungen können dazu führen, dass die Ergebnisse von Musterverfahren für andere Betroffene zu spät kommen. Daher ist eine Musterfeststellungsklage mit entsprechenden verjährungshemmenden Wirkungen dringend erforderlich.
  • Für Streu- und Bagatellschäden gibt es keine wirksamen Mechanismen. Eine Gewinnabschöpfung ist angezeigt.
  • Auch wenn durch Sammelklagen beachtliche Erfolge erzielt werden konnten, haben sich über die Jahre deutliche Defizite gezeigt, die die Einführung eines Gruppenverfahrens erforderlich machen. Diese Defizite betreffen geschädigte Verbraucher und geschädigte Unternehmer gemeinsam. Sie führen auch dazu, dass potentielle Schädiger nicht mit effizienten Maßnahmen rechnen müssen, Unrecht kann sich also lohnen.

[1] Schriftliche Fassung eines beim VKI-Symposium „25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung“ am 20.3.2018 in Wien gehaltenen Impulsvortrags.

Tagungsbericht: 25 Jahre Klagen – Zukunft der Rechtsdurchsetzung

Foto

Marie Winter, LL.M. (WU)

Zum Anlass der 25jährigen Klagstätigkeit des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) fand am 20.03.2018 ein Symposium im Vienna Marriott Hotel statt, das ganz im Zeichen der Durchsetzung überindividueller Interessen von Verbraucherinnen und Verbrauchern stand. Ziel des Symposiums war es, bisher erreichte Erfolge aufzuzeigen und die Zukunft der Rechtsdurchsetzung zu diskutieren.

Im Folgenden wird ein Überblick zur Tagung gegeben. Blog-Beiträge aller ReferentInnen und PanelteilnehmerInnen werden – im Rahmen eines Schwerpunkts zum Thema Kollektivrechtsschutz – gesondert veröffentlicht.

Eröffnung und Rückblick auf 25 Jahre Klagen

Eröffnet wurde das Symposium von Frau Sektionschefin Dr.in Maria Reiffenstein in Vertretung von Frau Bundesministerin Mag.a Beate Hartinger-Klein mit einem Blick zurück zu den Anfängen der Klagstätigkeit. Sie erklärte, dass dem VKI schon seit Inkrafttreten des Konsumentenschutzgesetzes 1979 die Verbandsklagsbefugnis zustand. Um diese auch in der Praxis zu nutzen wurde 1992 das Klagsprojekt von Dr. Gottfried Mayer, Hon.-Prof. Dr. Hans-Peter Lehofer und Dr. Peter Kolba ins Leben gerufen. 1999 erlangte der VKI zusätzlich die Klagsbefugnis für UWG Klagen und 2001 jene gegen rechtswidrige Geschäftspraktiken. Die Erfolgsquote von derzeit 90% spreche, so Reiffenstein, für die Arbeit des VKI, dies vor allem weil oftmals ungeklärte Rechtsfragen an die Gerichte herangetragen würden. Die Sektionschefin zeigte anhand verschiedener Entscheidungen des VfGH, OGH und EuGH die rechtspolitische und gesellschaftliche Bedeutung dieser Klagen auf. Nichtsdestotrotz seien in Hinblick auf Möglichkeiten des kollektiven Rechtsschutzes noch wesentliche Entwicklungen gefordert.

Nach einem einleitenden Vortrag des Leiters der Rechtsabteilung des VKI, Mag. Thomas Hirmke, zu den Erfolgen, Entwicklungen und Impulsen der letzten 25 Jahre referierten RA Dr. Stefan Langer über Musterprozesse und die Verbandsklagstätigkeit des VKI im Zusammenhang mit unzulässigen Geschäftsbedingungen, und RA Dr. Anne Marie Kosesnik-Wehrle über die Klagstätigkeit im Bereich des unlauteren Wettbewerbs. Im Anschluss daran stellte RA Dr. Alexander Klauser die Vor- und Nachteile der Sammelklage österreichischer Prägung vor. HR Univ. Prof. Dr. Georg Kodek, LL.M. analysierte die Klagebefugnis des VKI aus dogmatischer Sicht.

Ausblick und Ausgestaltung künftiger Rechtsdurchsetzung

Der zweite Teil des Symposiums widmete sich der Zukunft der Rechtsdurchsetzung.

Zur europäischen Perspektive strich Dr. Christoph Schmon, Teamleiter Verbraucherrecht des europäischen Verbraucherschutzverbandes (BEUC), hervor, dass Konsumentenschutz nicht mehr national gedacht werden könne. Deshalb habe die europäische Kommission das Verbraucherrecht einem „Fitness Check“ unterzogen, mit dem Ergebnis, dass Verbraucherrecht „grundsätzlich“ gut funktioniere, es aber klaren Reformbedarf gäbe. So gäbe es in den meisten europäischen Staaten nur unzureichende Möglichkeiten des kollektiven Rechtsschutzes. Im Moment strebe die Kommission daher unter dem Schlagwort „New Deal for Consumers“ eine Reform der Unterlassungsklagen an. Mit dieser solle ermöglicht werden, Unternehmen nicht nur zur Unterlassung gewisser Klauseln oder Rechtspraktiken zu verpflichten, sondern auch dazu, geschädigte Konsumentinnen und Konsumenten zu kompensieren. Gleichzeitig sollen individuelle Rechte gestärkt werden, etwa iZm unlauteren Geschäftspraktiken. Generell erhofft sich Schmon von der österreichischen Ratspräsidentschaft in der zweiten Jahreshälfte 2018 legistische Entwicklungen zugunsten der Verbraucherinnen und Verbraucher.

In der anschließenden Statementrunde der KonsumentensprecherInnen der Nationalratsparteien zur Zukunft des Verbraucherschutzes betonte Mag. Peter Weidlinger (ÖVP), dass der Binnenmarkt dafür genützt werden solle, gemeinsame Regelungen für Konsumentinnen und Konsumenten zu schaffen. Wesentlich seien zB das Umwelt-Gütesiegel oder die Überprüfung von Produkten, um die Menschen informieren zu können. Er hob aber auch das Spannungsfeld zwischen Freiheit der Marktwirtschaft auf der einen Seite und Sicherheit auf der anderen Seite hervor, welches berücksichtigt werden müsse.

Ing. Markus Vogl (SPÖ) gab an, die Ministerien in der Umsetzung einer Gruppen- oder Sammelklage sowie von Gewinnabschöpfungsklagen unterstützen zu wollen. Die entsprechenden Gesetzesanträge würden bereits vorliegen. Er gab zu bedenken, dass es Verhaltensänderungen in großen Konzernen nur geben würde, wenn auch entsprechende Anreize geschaffen würden. Diese veränderten Verhaltensweisen hätten dann aber auch positive Auswirkungen auf die Organisationsstruktur und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Mag. Peter Wurm (FPÖ) sprach sich dafür aus, parteienübergreifend im Sinne der Konsumentinnen und Konsumentinnen zu agieren. Besondere Gefahren sehe er bei Monopolunternehmen und multinationalen Konzernen, die den Markt bestimmen würden. Deshalb sei auch im Regierungsprogramm vorgesehen, den VKI strukturell zu stärken und konsumentenfreundliche Gesetzgebung umzusetzen.

Dipl.-Ing.in Karin Doppelbauer (NEOS) betonte, dass eine echte Sammelklage sowohl für Verbraucherinnen und Verbraucher als auch für Unternehmen wichtig wäre. Die Sammelklage österreichischer Prägung sei nicht ausreichend, vor allem weil die klagebefugten Verbände nicht jede Klage abdecken könnten. Die Sorge vor „amerikanischen Verhältnissen“ sei unbegründet, da man in Österreich keinen Strafschadenersatz verlangen könne. Sie kündigte an, die internationalen best-practices zu durchforsten, einen Gesetzesentwurf zu erarbeiten und dann das beste Modell für Österreich umzusetzen.

Dr. Peter Kolba (Liste Pilz) sieht die Hauptaufgabe des Verbraucherschutzes in der Ursachenbekämpfung bei schädigenden Unternehmern und erst nachrangig in der Entschädigung Einzelner. Er zeigte die Unterschiede zwischen dem amerikanischen und europäischen System anhand des VW-Skandals auf und gab zu bedenken, dass sich zurzeit in Europa Unrecht lohnen würde. Er sprach sich für die Einführung einer Gruppenklage nach niederländischem Vorbild aus, die durch eine Opt-out Möglichkeit die Verjährung für alle Geschädigten mit Klagseinbringung unterbricht. Somit würde auch der Anreiz für Verzögerungen wegfallen. Diese sei auch in Hinblick auf die drohende Verjährung im VW-Skandal nötig, da eine Sammelklage österreichischer Prägung aufgrund des damit verbundenen Organisationsaufwands nicht rechtzeitig für alle Geschädigten bewerkstelligt werden könne. Um auf dem Sektor der Verbandsklagen mehr Wettbewerb zu schaffen, sei die Klagebefugnis auf ad-hoc gegründete Stiftungen auszuweiten. Zuletzt betonte er die Legitimität der Prozessfinanzierung, da ohne solche Finanzierer der VKI keine Sammelklagen führen hätte können.

Im Rahmen der anschließenden Podiumsdiskussion diskutierten unter der Leitung von Mag. Benedikt Kommenda (Die Presse) Mag. Thomas Hirmke (VKI), Univ. Prof. Dr. Georg Kodek, LL.M. (OGH / WU Wien), Dr. Otmar Lell (vzbv), Dr. Christoph Schmon (BEUC), Mag. Hannes Seidelberger (Schutzverband gegen unlauteren Wettbewerb) und Mag.a Gabriele Zgubic-Engleder (BAK).

Auf die Frage hin, was Österreich im Bereich Verbraucherschutz von Deutschland lernen könne, hob Dr. Lell anfangs die Gemeinsamkeiten der Rechtsverfolgungsansätze hervor. Ziel des vzbv sei das Aufzeigen von Missständen, die Klärung von Rechtsfragen und die Anregung konsumentenfreundlicher Gesetzgebung. Besondere Herausforderungen stellten hierbei im Moment vor allem Internetunternehmen dar. Auch in Deutschland sei eine kollektive Rechtsdurchsetzung zurzeit nicht möglich. Allerdings soll es laut Koalitionsvereinbarung bis zum 01.11.2018 eine Musterfeststellungsklage mit Opt-in Möglichkeit geben. Zur Praktikabilität der Gewinnabschöpfungsklage in Deutschland gab Lell an, dass die Klage nicht oft genützt werde. Dies habe strukturelle Gründe. Einerseits fließe der abgezogene Gewinn direkt in den Staatshaushalt und käme damit nicht etwaigen Betroffenen zu. Andererseits seien die Voraussetzungen für einen Zuspruch hoch, weil der Rechtsverstoß vorsätzlich begangen worden sein müsse und die Kausalität des erwirtschafteten Gewinns zum Rechtsverstoß bewiesen werden müsse.

Mag. Seidelberger befasste sich damit, was Verbraucherschutzverbände vom Schutzverband gegen unlauteren Wettbewerb lernen könnten. Der Schutzverband beschäftige sich weitgehend mit Beschwerden anderer Wirtschaftsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Falls es sich um berechtigte Beschwerden handle, mahne der Schutzverband in Folge die betroffenen Unternehmen ab und fordere diese auf eine Unterlassungserklärung abzugeben. Dem würden die Unternehmer in ¾ aller Fälle nachkommen. Deshalb setze der Schutzverband auch primär auf außergerichtliche Vergleiche, Klagen als letztes Mittel würden aber trotzdem oftmals geführt werden.

Mag. Zgubic-Engleder führte aus, dass die Organisation von Sammelklagen österreichischer Prägung sehr aufwendig sei und die Zulässigkeit der Klagen zu Beginn eines jeden Verfahrens erörtert werden müsse. Mit einer echten Gruppenklage würden die Hürden zur Einbringung von Klagen, ebenso wie die Kosten, enorm gesenkt werden. Ganz entscheidend sei hier die Musterfeststellungsklage mit verjährungshemmender Wirkung. Bisher gäbe es von der EU kaum Druck zur Umsetzung von kollektivem Rechtsschutz. Es gäbe lediglich eine unverbindliche Empfehlung der Kommission, die aber nach der Evaluierung der Kommission auch nur unzureichend umgesetzt wurde. Zgubic-Engleder sieht keine Gefahr von „amerikanischen Zuständen“ in Österreich, da wie bisher auch schon nur berechtigte Ansprüche zugesprochen würden. Dabei sei nicht nur der Schutz der Konsumentinnen und Konsumenten, sondern auch der Schutz von Kleinst- und Kleinunternehmen ein wichtiger Aspekt. Zuletzt richtete sie einen Appell an die Regierungssprecher, die Rechte von Versicherungsnehmerinnen und -nehmern im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Lebensversicherungen nicht auszuhebeln.

Prof. Kodek stellte klar, dass es nicht zwei Klagearten bräuchte, sondern drei. Die erste wäre die Musterfeststellungsklage, mit der die gemeinsamen Rechtsfragen für alle Österreicherinnen und Österreicher in einem Verfahren geklärt werden könnten. Diese Musterfeststellungklage müsste verjährungshemmende Wirkung für alle am Verfahren Angeschlossenen haben. Dabei führt er aus, dass ein Schädiger keinen Rechtsanspruch auf Verjährung habe. Die Verjährung schütze zwar den Schädiger in dem Sinne als er nach Ablauf der Verjährungsfrist darauf vertrauen dürfe, nicht mehr in Anspruch genommen zu werden. Sollte jedoch eine Musterfeststellungsklage eingebracht sein, könne der Schädiger kein solches Vertrauen entwickeln und folglich nicht in diesem Vertrauen gestört sein. Als zweites wäre eine Gruppenklage nötig, mit der die Kläger einen direkten Leistungstitel gegenüber der beklagten Partei erhalten. Drittens wäre auch die Möglichkeit zu schaffen, Unrechtsgewinne von Unternehmen abzuschöpfen. Bei Bagatellschäden sei es nicht nur nicht rational, individuell zu klagen, sondern auch, sich einer Gruppenklage anzuschließen bzw diese einzubringen, weil der Aufwand im Vergleich zum potentiellen Gewinn zu hoch sei. Dieser liege oft nur im Cent-Bereich. Eine Verhaltenssteuerung hin zu rechtskonformen Verhalten sei daher nur durch die Abschöpfung unrechtmäßiger Gewinne möglich.

Befragt zum Thema VW-Skandal führte Mag. Hirmke aus, dass er grundsätzlich positiv eingestellt sei, dass man eine Sammelklage zeitlich schaffen würde. Allerdings könne nicht „die eine“ Sammelklage in Österreich eingebracht werden, weil durch Abtretung an den VKI der Verbrauchergerichtsstand verloren gehe, und es daher nur die Möglichkeit gebe, die Schäden lokal zu bündeln. Ein Wehrmutstropfen sei dabei ferner, dass der VKI die Klage nur für einen Teil der Geschädigten erheben könne, da sich niemals alle Geschädigten einer Klage aktiv anschließen würden. Deshalb wäre die bereits beschriebene Musterfeststellungklage so wichtig.

Aus dem Publikum führte Dr. Artur Schuschnigg, Referent für Wirtschaftspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich, aus, im österreichischen Prozessrecht sei es Standard, dass es keine Vorverurteilung gebe. Am Ende müsste – sowohl im Individual- als auch im Kollektivverfahren – durch Urteil festgestellt werden, ob ein Anspruch zu Recht besteht oder nicht. Die Wirtschaftskammer wehre sich deshalb gegen Elemente, die das derzeit bestehende prozessuale Gleichgewicht zulasten des Beklagten verschieben. Er gab ferner zu bedenken, dass ein Kollektivverfahren nicht zwingend billiger sei als 1000 Individualverfahren und es idR auch kaum Sachverhalte gäbe, die wirklich ident seien und daher berechtigt in einem Verfahren geltend gemacht werden könnten. Ein opt-out Verfahren sei verfassungsrechtlich bedenklich (rechtliches Gehör und Dispositionsfreiheit). Das niederländische opt-out System hält er unter Verweis auf die erläuternden Bemerkungen, wonach das System dazu diene, einen „Stock hinter der Tür“ gegen die Unternehmen zu haben, für ein Erpressungsmodell. Auch sprach er sich gegen die Übernahme der amerikanischen class action aus, die Klägern via discovery einen prozessrechtlichen Vorteil verschaffe. In Hinblick auf Bagatell- und Streuschäden kritisiert Schuschnigg, dass die „rationale Apathie“ bei einem opt-out System in Kauf genommen bzw dort sogar gewollt sei. Weil Bagatellschadenersatz nicht an die Konsumentinnen und Konsumenten ausgeschüttet werden könne, handle es sich dabei um reinen Strafschadenersatz.

RA Mag. Eric Breitender, der bereits niederländische Stiftungen in Österreich vertreten habe, gab an, dass seiner Erfahrung nach Vergleichsmöglichkeiten ein Asset für die gesamte Wirtschaft seien.

RA Dr. Stephan Briem zufolge hat die Industrialisierung das Kräfteverhältnis zwischen Verbraucherinnen und Verbrauchern und Unternehmen verschoben. Er spricht sich für die Musterstellungsklage und Gewinnabschöpfung aus. Vor allem weil gerade kleine Unternehmen sich oft an die Rechtsordnung halten würden und dann gegenüber transnationalen Großkonzernen benachteiligt wären. Bezüglich kollektiven Rechtsschutzmaßnahmen schlug er zusätzlich vor, dass der Vertreter von den Teilnehmern selbst gewählt und nicht vom Gericht bestimmt werden solle.

Dr. Petra Leupold (VKI) meinte, dass die ablehnende Haltung von Teilen der Wirtschaft zum Thema Gruppenklagen nicht zukunftsträchtig sein könne weil vor allem Unternehmer ein dreifaches Interesse an modernen, effizienten Rechtsschutzmechanismen haben müssten. Erstens aus Mitbewerbersicht, zumal nach der derzeitigen Rechtslage ausländische Konzerne nicht effizient in Anspruch genommen werde könnten. Dies sei schädigend für den Wirtschaftsstandort Österreich. Aus Schädigersicht wäre es für Unternehmer interessant, schneller Rechtssicherheit zu erreichen. Und drittens seien Unternehmer auch als Geschädigte unmittelbar betroffen. Als Beispiel verwies sie auf die Thematik der Negativzinsen, wo der VKI für den B2C-Bereich eine rasche Klärung der strittigen Rechtsfragen durch Verbandsklagen herbeiführte, die Rechtslage für B2B Verträge dagegen immer noch nicht geklärt sei, obwohl gerade EinzelunternehmerInnen und KMU in Zusammenhang mit oft existenziellen Krediten ein ähnlich starkes Schutzbedürfnis hätten. Verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Musterfeststellungsklage hält sie für verfehlt. Es gäbe kein verfassungsrechtlich geschütztes Recht auf Verjährung. Diese basiere auf Vertrauensschutzerwägungen, die bei Anhängigkeit einer Musterklage nicht greifen würden.

Kodek zufolge drohen amerikanische Verhältnisse nicht schon deshalb, weil man sich für Verbraucherschutz oder die Verbesserung des Prozessrechts einsetze. Es gäbe natürlich berechtigte Kritikpunkte am amerikanischen System; dass diese Punkte ins österreichische System übernommen werden sollen, werde aber ohnehin von niemandem ernsthaft gefordert (Stichwort Erfolgshonorare von Anwälten, punitive damages). Das einzige das übernommen bzw eingeführt werden solle, sei die Möglichkeit der Bündelung identer Ansprüche in einer Klage. Deshalb gehe die Entwicklung in allen entwickelten Ländern in diese Richtung. Österreich habe die Chance verpasst, eine Vorreiterrolle für Europa einzunehmen; mittlerweile drohe man, den Anschluss zu verlieren.
Auf die Frage von Herrn Swietly, freier Journalist, warum, wenn doch die Vertreterinnen und Vertreter aller Parteien Gruppen- und Musterklagen positiv gegenüberstünden, man sich nicht sofort versammle, um konkrete Pläne auszuarbeiten und umzusetzen, bekräftigte Vogl, Nationalratsabgeordneter für die SPÖ, dass Vorschläge auf dem Tisch liegen würden, und man nun konkret an einem gemeinsamen Vorschlag arbeiten könnte. Wurm, Nationalratsabgeordneter für die FPÖ, verwies darauf, dass Konsumentenschutzthemen auf unzählige Ausschüsse verteilt seien und daher noch etwas Geduld nötig sei.

Bezüglich der Vorteile einer Gruppenklage für Unternehmen verwies Lell darauf , dass in Deutschland  die Klagsbefugnis der Wirtschaftsverbände in einem früheren Entwurf zur Musterfeststellungsklage vorgesehen gewesen sei, dass dazu aber vonseiten der Wirtschaft dazu keine klare Position vertreten werde. Kleinunternehmen unterschieden sich in diesen Belangen aber kaum von Konsumentinnen und Konsumenten. Außerdem führte er an, dass medial Verbraucherschutz in Deutschland im Moment extrem stark vertreten sei, er aber befürchte, dass Regelungen bloß populistischen Symbolcharakter erhalten könnten.

Hirmke äußerte abschließend zwar Zweifel, dass Instrumente noch vor der Verjährung von Ansprüchen im VW-Skandal in Österreich umgesetzt werden würden, allerdings sieht er die generellen Chancen für die Umsetzung positiv an. Er warnt aber davor, dass die Instrumente nur verwässert umgesetzt werden und einen Alibi-Charakter bekommen.

Die Veranstaltung gab allen TeilnehmerInnen einen hervorragenden Einblick in die bisher erreichten Ziele und den status quo der Rechtsdurchsetzung im Konsumentenschutzbereich und zeigte mögliche Entwicklungen im Kollektivrechtsschutz auf. Es verbleibt die Hoffnung, dass diese Veranstaltung einen Anstoß für die politische Umsetzung gegeben hat.